Jan 19, 2006

Film & Video: Reality und documentation

Realität und dokumentarische Perspektive

Welche filmische Form würde der Darstellung von Wirklichkeit mehr entsprechen als die Dokumentation? Auf diese Frage antwortet das Videoprogramm der transmediale mit einer Arbeit über das Dokumentarfilmen von Viola Stephan (Deutschland) und einer Auswahl von dokumentarischen Arbeiten: Denise Garcia (Brasilien), Rozbeh Asmani (Deutschland), Sarah Vanagt (Belgien) und Solbaz Shahbazi (Iran) setzen ihre eigene Wirklichkeit in Szene und zeichnen eine Hommage an die Helden des Alltags: rappende Mütter aus den Favelas Brasiliens, jugendliche Migranten aus Berlin-Wedding, die Nachrevolutionsgeneration Teherans und die überlebenden Kinder des Genozids aus Ruanda.

Die Funk-Szene Rio de Janeiros besteht aus vielen weiblichen MCs und Frauenbands, denn im Dancehall-Business sind ihre Auftritte wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines Abends geworden. Tati Quebra-Barraco (Tati Shack Breaker) zum Beispiel bringt das Publikum dazu, jedes Schimpfwort mitzusingen. Und sie ist nur eine von vielen "bondes" (Tanz- und Vokalgruppen), die die Zuhörer zum Ausflippen bringen. Dem Film "I'm Ugly but I'm Trendy" von Denise Garcia gelingt es, das Funk-Universum Rio de Janeiros aus der Perspektive weiblicher Funker darzustellen, die in ihrem "wirklichen" Leben Mütter, Ehefrauen und Studentinnen sind (im Video-Screening "ugly but trendy", 4. Februar um 21 Uhr). Darüber hinaus präsentiert Denise Garcia ihre Arbeit am 5. Februar um 17 Uhr im transmediale salon.

Der Zorn auf eine Gesellschaft, die Migranten-Kids aus Berlin-Wedding als ausgrenzend empfinden, wird auch in "Wedding 65" von Rozbeh Asmani deutlich. Die Protagonisten reflektieren über ihren Lebensalltag zwischen Kriminalität, Arbeitslosigkeit und sozialem Engagement. Auch sie erkämpfen sich ihren Weg durch die widrige Wirklichkeit mithilfe von Musik: Hip Hop und Break Dance machen ihrer Unzufriedenheit Luft und definieren ihre eigene Identität zwischen der Herkunft ihrer Eltern und dem Alltag in Deutschland (im Video-Screening "ugly but trendy", 4. Februar um 21 Uhr).

Einblicke in die iranische Wirklichkeit geben zwei Beiträge von Solmaz Shahbazi. In der halbstündigen Dokumentation "Good Times, Bad Times" erzählen junge Teheraner, die nach der islamischen Revolution 1978 geboren wurden, von ihren Ansichten, Hoffnungen und Sorgen. Die Beziehung zwischen den Geschlechtern, Liebe und Heirat, Glaubensfragen und politische Realität sind ihre Themen. "Tehran 1380" hingegen ist eine Hommage an die wildwachsende Metropole aus Beton und Neon, die keinen westlichen Maßstäben zu entsprechen scheint. Shahbazi nähert sich der Stadt mit ihrer komplexen Verbindung von Tradition und Moderne in zahlreichen Interviews, die den Identitätskonflikt der Bewohner aufzeigen (Video-Screening "good times, bad times", 7. Februar um 18 Uhr).

Im neuen ruandischen Kalender ist April der Monat der Trauer. Während sich das Land zum zehnten Mal an den Völkermord erinnert, hat Sarah Vanagt ihre Osterferien in einer sogenannten "Kinderrepublik" verbracht, in der ausschließlich junge Kriegswaisen und Flüchtlinge leben. In einem Land, in dem das Fach Geschichte vom Lehrplan gestrichen und die Worte "Hutu" und "Tutsi" aus jedem Nachschlagewerk verbannt wurden, erfinden sich die Kinder ihre Wirklichkeit und ihre Geschichte neu. "Begin Began Begun" dokumentiert den Umgang mit der Geschichte Ruandas auf sensible Art und Weise (im Video-Screening "grinding borders", 7. Februar um 16 Uhr).

Die Meta-Ebene der filmischen Dokumentation behandelt "The Making of…" von Viola Stephan. Ihr Film über wissenschaftliche Methodik, visuelle Wahrnehmung und Filmproduktion stellt die zentrale Frage: Wie kreativ ist Wissenschaft und wie objektiv ist Film? Stephan folgt Wissenschaftlern, ihren Erklärungen und Experimenten und versucht, die täglich wechselnden Methoden aufholenden Wissens zu beschreiben (im Filmprogramm "The making of …", 5. Februar um 12.00 Uhr).