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Jan 19, 2006
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Reality & me
REALITY ADDICTS versuchen nicht, die Welt zu verstehen oder sie zu bewerten. Sie installieren doppelte Böden, überlassen sich dem Unsinn und bemühen sich, die Wirklichkeit durch Übertreibung, Bruch, Distanzierung und immer neue Umwege zu vervielfältigen. Sie freuen sich am Paradoxen und spielen mit dem beinahe Möglichen. Und sie brauchen Sinn für Humor, um Widersprüche auf die Spitze zu treiben.
REALITY ADDICTS verbinden augenzwinkernd oder breit grinsend getrennt existierende Wirklichkeiten - ob im Zirkelschluss oder als Wunschtraum: Naoto Kobayashi und Mai Yamashita haben in Japan Mineralwasser aus einer deutschen Quelle gekauft. Mit den Flaschen im Gepäck reisen sie bis zum Ursprung der Quelle, um das Wasser wieder freizulassen ("The Release of Mineral Water" im Video-Screening "reality & me", 3. Februar um 17 Uhr). Die Azorro Group aus Polen stellt sich mit Entscheidungsträgern des Kunstbetriebs dar: Im Video "Portrait with a Curator" posieren die vier Künstler der Gruppe bei Vernissagen vor ihrer Kamera, immer wenn im Hintergrund einflussreiche Kritiker und Kuratoren vorbeilaufen (im Video-Screening "reality & me", 3. Februar um 17 Uhr). Selbstbestätigung in einer unübersichtlich gewordenen Wirklichkeit suchen die Protagonisten von zwei Arbeiten, die in der transmediale lounge präsentiert werden. Der eine monologisiert atemberaubend schnell über die beste Strategie beim Einkauf von neuen technischen Geräten, damit er "von denen" nicht über den Tisch gezogen wird. Ein Einblick in die beinahe paranoide Gedankenwelt eines Käufers, der - völlig überinformiert - schließlich seinem Instinkt die Kaufentscheidung überlässt (Stefan Panhans, "Sieben bis zehn Millionen"). Vor dem Spiegel stehend leert die andere einen Liter Cola aus der Flasche. Nach jedem Schluck muss sie rülpsen und sagt sich daraufhin "ich bin's", bevor sie erneut die Flasche ansetzt - als Selbstversicherung und Selbstbefragung zugleich (Freya Hattenberger, "ich bin's"). Der politischen Realität in Europas letzter Diktatur widersetzt sich der Internet-Filmclub "Multclub" von Oleg Minich und Galina Ivanovna Senatarskaya (www.multclub.org), dessen Arbeiten ebenfalls in der transmediale lounge zu sehen sind. "Multclub" zeigt politische Karikaturen und satirische Zeichentrickfilme, die den Alltag in Weißrussland wiederspiegeln. Die Filme setzen sich mit der restriktiven Politik des Präsidenten Lukaschenko und anderer hochrangiger Politiker sowie mit der politischen Isolation des Landes auseinander. Vor wenigen Monaten geriet das Projekt in das Blickfeld der belarussischen Generalstaatsanwaltschaft. Die Animationsfilme wurden als "Verleumdung und Beleidigung der Würde des Präsidenten" eingestuft, das gesamte technische Equipment beschlagnahmt, und der Grafiker festgenommen. Senatarskaya und Minich werden dazu im transmediale salon einen Vortrag halten (5. Februar um 18.30 Uhr). Zum postkolonialen Gegenschlag holen Jennifer Lyons-Reid und Carl Kuddell aus. In ihrer politischen Satire "First Fleet Back" fordert "Uncle Kevin" die Krone unter der Parole "Dekolonisiert Australien!" heraus: Die weißen Australier sollen auf Schiffen nach Europa zurückgeschickt werden. In einer Melange aus cinema verité, Blaxploitation und satirischem Reality TV bietet der Film Einsicht in die Geschichte mit dem Ziel, den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft zu ermöglichen (im Video-Screening: "intercepting reality" 3. Februar um 21 Uhr).
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