|
Jan 17, 2007
|
Berliner Zeitung: Das dritte Ohr am Arm
Ein beendetes Werk müsse wiedererweckt werden, sagte einmal John Cage, der Universalkünstler und Komponist. Der Kampf gegen das Fertige und Klassische, das Aufreißen, das Stehenlassen von Ecken und Kanten, das Fragmentarische sowie das prozesshafte Werden von Artefakten, die nie wirklich vollendet sind - das alles gehört zu den fundamentalen Prinzipien der Moderne und ihrer Avantgarden. Insofern bohrt die Transmediale.07 kein wirklich dickes Brett, wenn sie sich in diesem Jahr das Motto "unfinish!" gegeben hat.
Nachdem in den vergangenen Jahren soziale, politische, konsumkritische Themen der Medienkunst im Vordergrund standen, will man sich diesmal wieder verstärkt der eigentlichen künstlerischen Praxis widmen. Kunst müsse sich eben ständig neu erfinden, bereits Fertiges wieder in Frage stellen, sagte Andreas Broeckmann, der Leiter der Transmediale, gestern bei der Programmvorstellung.
In rund 60 Veranstaltungen wird das Medienkunstfestival vom 30. Januar bis 4. Februar die Akademie der Künste am Tiergarten in Wallung versetzen. Eine internationale Gemeinschaft aus Freaks, Nerds und Groupies findet sich dann ebenso ein wie ein buntes Publikum aus Berlin. Ein Höhepunkt, das steht jetzt schon fest, wird der Auftritt von Stelarc am 1. Februar sein. In einer Vortrags-Performance will der australische Techno-Schamane den Eintritt in ein postbiologisches Zeitalter verkünden. Seit zwanzig Jahren wehrt er sich gegen die menschliche Unvollkommenheit und rüstet seinen Körper mit Technologie auf. Seine neueste Errungenschaft ist eine Ohrprothese am Unterarm, die aus menschlichen Zellen gezüchtet wurde. Daneben gibt es wieder jede Menge Vorträge, Diskussionen, Präsentationen, Performances und Video-Vorführungen aus den tausend Einsendungen für den Transmediale Award, dessen Preisträger am 4. Februar verkündet wird. Das komplette Film- und Videoprogramm ist übrigens erstmals auch im Kino Babylon Mitte zu sehen (1. bis 5. Februar).
Bereits zum achten Mal bildet der Club Transmediale ein Nebenfestival, wo sich für manchen Kenner die wahre Avantgarde versammelt. Allnächtlich verwandelt sich das Maria am Ostbahnhof vom 26. Januar bis 3. Februar in Deutschlands abenteuerlichsten Treffpunkt für elektronische und experimentelle Musik. "Building Spaces" heißt diesmal das Leitthema. Wie lassen sich mit Sound und visuellen Effekten Räume erzeugen? Welche sozialen und politischen Zonen erobert sich die Elektromusik? Ein Beispiel für Letzteres geben die Techno-Pioniere Underground Resistance aus der sterbenden Stadt Detroit. Auch die Musikszene in Beirut muss sich einer übermächtigen politischen Realität entgegenstemmen. Was dabei entsteht, ist von Trio A, dem einzigen Experimental-Label des Libanon, zu hören. Eröffnet wird der Club der Transmediale am 25. Januar mit einem Konzert und "Warm Up" in der Volksbühne.
|