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Jan 24, 2007
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Berliner Zeitung: Fortschritt durch Klangrevolution
Es ist ein Jubiläumsjahr für die Transmediale. Zum 20. Mal findet das Festival statt, das als Videoableger der Berlinale 1988 begann und sich daraus zum Forum Medienkunst und nunmehr zum "Festival für Kunst und digitale Kultur" entwickelt hat - entsprechend dem Begriff der Medienkunst, der nach der digitalen Explosion die Trennschärfe verloren hat. "Unfinish!" heißt das diesjährige Programm und versteht das Motto als "Schlachtruf und Fluch der digitalen Arbeit", in der es keine abgeschlossenen Prozesse mehr gibt, sondern nur noch Revisionen, Updates, Versionen. Begleitet wird das Festival seit 1999 vom Club Transmediale, der es in die Nacht führt und die Clubkultur mit Kunst und Theorie verbindet.
Längst widmen die Veranstalter des Clubs sich nicht mehr nur der elektronischen Musik - das Eröffnungskonzert, morgen in der Volksbühne, wird von dem legendären Seattler Noise- und Improvisations-Trio Sun City Girls bestritten. Für den ersten Clubabend, Freitag in der Maria am Ostbahnhof, ist dann aber eine künstlerische Formation eingeladen, die lange Zeit geradezu prototypisch für die Verbindung von elektronischer Musik, futuristischem Revolutionsgestus und politischem Aktivismus stand: Underground Resistance aus Detroit.
Als Label nur ein Jahr jünger als die Transmediale, gehörten UR Anfang der Neunzigerjahre zu den treibenden Kräften der Techno- und House-Szene Detroits. Man stellt sie sich am besten als die Public Enemy des Techno vor - als technoide Inszenierung von urbaner Militanz, die Sounds so martialisch wie die Rhetorik und das Auftreten. "Alle Titel wurden zum Fortschritt der menschlichen Art durch Klangrevolution aufgenommen," erklärt mit dem Pathos der Pioniere das Cover einer frühen Compilation, die den knallharten, aggressiven Sound in Klassikern wie "Riot" oder "Punisher" präsentierte. Man hört auch in den Tracks die spezielle Emphase der Zeit, als Laptops, Handys und Internet noch quasifuturistische Versprechen waren. Damals bestanden Underground Resistance aus "Mad" Mike Banks und Jeff Mills, die sich als Studiomusiker kennengelernt hatten, und Robert Hood, der etwas später dazugestoßen war. Mills, heute eine der großen DJ-Legenden, verließ UR bereits 1992 und zog nach New York; Hood, Vater des Minimal Techno, folgte wenig später. Banks dagegen betreibt in Detroit das Label bis heute und ist eine der letzten gültigen Antworten auf die Frage, was independent in der Popmusik bedeuten könnte: Hoffnung durch unerhörte Klänge und die Überzeugung, dass man "Soul nicht kaufen kann", wie er gerade dem Magazin De:bug diktierte. Laurent Garnier, selbst eine der prägenden DJ-Figuren, nennt Banks in seiner Technogeschichte "Elektroschock" "einen Stadtguerillero, den das Leid umtreibt, das seine Stadt umtreibt." Die Autostadt Detroit ist nicht nur für ihre Musiktradition von Blues zu Soul und Techno berühmt, sondern auch für ihre Verbrechensrate und finanziellen und sozialpolitischen Probleme berüchtigt. Für Banks war die computerisierte DJ-Musik immer auch ein Instrument des Widerstands gegen das institutionalisierte Elend. Die Verdrängung des Autors im steten Fluss des DJ-Mixes war für ihn weniger eine ästhetische als eine identitätspolitische Frage. UR verzichteten auf die üblichen Marketingtools und hüllten sich auf Fotos in Camouflage-Outfits und Unschärfen. "Wir beschlossen, dass es für unser Publikum um unsere Musik und nicht um unsere Gesichter oder Hautfarbe geht. Wenn jemand nicht weiß, wie du aussiehst, wird er sich nicht darum kümmern, solang er deine Musik mag," so Banks.
Gleichwohl sieht er sich als "reines Produkt der schwarzen Kultur Detroits". Er holt sich die Musiktradition bei Motown und den Widerstand aus dem Black-Power-Untergrund der 60er-Jahre. Banks engagiert sich nach wie vor in der Stadtteilarbeit und kümmert sich um die Kids der Straße. Wie wenige sonst, haben UR die computergenerierte, instrumentale Musik als Medium politischen Handelns begriffen. Im utopischen Moment des elektronischen Aufbruchs sind sie bis heute der Tradition des Afrofuturismus von Sun Ra bis George Clinton verpflichtet. "Interstellar Fugitives", Weltraumflüchtlinge, nennt Banks seine Label-Compilations und die Labelcrew aus verschiedenen DJs, die auch den Auftritt in der Maria bestreiten wird.
Nach acht Jahren ist gerade die zweite Sammlung erschienen. Sie zeigt UR sowohl als brütendes Update in Downbeatgefilden wie - etwa in einer transparenten Neuauflage von "Predator" - als eine Art UR 2.0, voll minimalistischer Härte und der Science-Fiction-Düsternis der frühen Tage. Banks' Label wirkt als unbeendetes Projekt in ständiger Nachbearbeitung, ohne dabei den Content aufzugeben. Ein leicht nostalgischer, digitaler Idealismus, der im millionenschweren Pragmatismus des Netzzeitalters die Vorstellung von Einmischung und Widerstand lebendig hält.
Eröffnung morgen um 21 Uhr in der Volksbühne mit Konzerten von Sun City Girls, Pierre Bastien, Alexander's Annexe.
Vom 26. Januar - 3. Februar täglich in der Maria am Ostbahnhof. "Grand Opening Club Night": 26. 1., ab 23 Uhr mit Interstellar Fugitives/Underground Resistance (Abb.).
Weitere Höhepunkte:
"Wasted Vol.4" mit Dev/Null, Fuckhead, Venetian Snares: 26.+27. 1., 23 Uhr "Code Black" mit Jazkamer, Birchville Cat Motel, Burial Chamber Trio: 28. 1., 22 Uhr Rafael Toral 30. 1., 21.30 Uhr Trio A 31. 1., 21.30 Uhr
Pole + Adrian Sherwood 1. 2., 22 Uhr
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