Interview
Wir improvisieren zum Sound der angreifenden Bomber
Mazen Kerbaj und Raed Yassin haben den Free Jazz nach Beirut gebracht - ein Gespräch über Musik und Krieg
In der blühenden Pop-Avantgarde und Free-Jazz-Szene Beiruts gehören sie zu den bekanntesten Protagonisten: der Trompeter Mazen Kerbaj und der Doppelbass-Spieler Raed Yassin. Gemeinsam mit dem Gitarristen Sharif Sehnaoui betreiben sie das Trio "A", dessen gleichnamige Debüt-CD 2003 international für Furore sorgte; auf ihrem jährlichen "Irtijal"-Festival trifft sich die heimische und die europäische Improv-Szene. Kerbaj ist außerdem Comic-Zeichner und Blogger: Unter
www.kerbaj.com findet man unter anderem seine Comic-Kriegstagebücher aus der Zeit der israelischen Angriffe auf Beirut im Juli 2006 - in Buchform soeben bei dem Pariser Verlag L'Association erschienen. Heute Abend um 22 Uhr spielt das Trio A beim Club Transmediale in der Maria am Ostbahnhof. Während Sharif Sehnaoui am Dienstag noch am Beiruter Flughafen festsaß, trafen wir Kerbaj und Yassin zum Gespräch.
----Schön, dass Sie da sind. Wir haben bis zuletzt noch gefürchtet, dass Sie aus Beirut nicht herauskommen werden.
Mazen Kerbaj: Das sah zwischendurch auch ganz danach aus. Während des Generalstreiks war alles geschlossen, der Flughafen war gesperrt, wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben. Aber dann hat sich von einem Tag zum nächsten alles normalisiert, und die Flüge gingen sogar pünktlich nach Plan.
Raed Yassin: Das ist immer so in Beirut. Du weißt nie, wie der nächste Tag aussehen wird.
Wenn man heute an Beirut denkt, glaubt man nicht, dass es da Künstler gibt, die sich mit frei improvisierter Musik beschäftigen.
Kerbaj: Es gibt eine wachsende, sehr interessante Szene; lauter Leute, die von europäischen und amerikanischen Free-Jazzern beeinflusst sind und von moderner Komposition. Aber Sie haben Recht: das ist eine neue Entwicklung. Vor dem Bürgerkrieg 1975 - 1990 gab es eine reiche, westlich orientierte Kulturszene, aber keine Avantgarde, die an eigenen Formen gearbeitet hätte - gerade die Musik war sehr arabisch orientiert. Aber das hat der Krieg ohnehin alles gründlich zerstört.
Yassin: In den letzten Jahren ist eine völlig neue Szene entstanden, viel eigenständiger, offener, experimenteller als vorher. Seit 2001 veranstalten wir ein jährliches Festival für improvisierte Musik, das Irtijal Festival, zu dem wir Künstler aus aller Welt einladen.
Kerbaj: .und wir sind selber immer wieder erstaunt, wie viele Leute zu diesen Konzerten kommen, und wie offen und neugierig das Publikum ist.
Yassin: Das liegt aber auch daran, dass die Leute in Beirut nicht viel kennen.
Kerbaj: Ja, das kommt vor, dass nach den Konzerten Leute zu uns kommen und sagen: Hey, das war fantastisch, ihr habt eine völlig neue Art von Musik erfunden. Und ich muss ihnen dann leider sagen, dass es das anderswo schon seit dreißig Jahren gibt.
Wovon lebt man als Improv-Musiker in Beirut?
Kerbaj: Staatliche Unterstützung kriegen wir natürlich nicht, auch die Festivals bezahlen wir aus eigener Tasche. Man muss erfinderisch sein. Wir haben alle auch andere Jobs. Ich zeichne Illustrationen und Comics. wobei ich von den Comics natürlich auch wieder nicht leben kann. Aber ich arbeite auch als Werbegrafiker und Storyboard-Zeichner, und Raed jobbt beim Film.
Yassin: .als Regie-Assistent, Schauspieler, Videokünstler. aber das sind Jobs, die es seit den Angriffen im Juli nicht mehr gibt.
Wie war das während der Angriffe? Wovon lebt man in so einer Zeit?
Kerbaj: Man lebt nicht, man versucht irgendwie zu überleben. Die Firmen haben die Juli-Gehälter noch ausgezahlt, aber den Leuten auch gesagt: Wenn die Angriffe weitergehen, gibt es im nächsten Monat nichts. Aber wir haben ja sowieso keine festen Jobs, für uns war es noch schlimmer.
Yassin: Wir haben verdammt tief in der Scheiße gesteckt.
Kerbaj: Einen Monat kommst du leicht durch, man geht zu Freunden zum Essen, wenn die noch was haben. Aber dann wird es hart. Hätten die Angriffe zwei, drei Monate länger gedauert, dann würden wir jetzt nicht hier sitzen. Wir wären verhungert. Und so geht es bestimmt drei Vierteln der libanesischen Bevölkerung. Die Leute haben in den Internet-Cafés gesessen, selbst wenn die Leitungen mal wieder unterbrochen waren. Viele Firmen hatten ihre Büros geöffnet, auch wenn es keine Aufträge gab; die Leute sind zur Arbeit gegangen, auch wenn sie nichts zu tun hatten, nur um nicht in Depression zu verfallen.
Hat es lange gedauert, bis das normale Leben zurückgekehrt ist?
Yassin: Nein, das war sofort wieder da. Schalter aus. Schalter an. So ist das im Libanon immer.
Kerbaj: Wenn du morgens aufwachst und keine Bomben fallen, dann stehst du auf und gehst zur Arbeit. Wenn du aufwachst und Bomben fallen, bleibst du zu Hause. Wir sind in fünfzehn Jahren Bürgerkrieg aufgewachsen, wir sind das nicht anders gewohnt. Als die ersten Bomben fielen, waren auch sofort die alten Reflexe zurück: Was muss ich noch schnell einkaufen? Wo parke ich am besten mein Auto? Sollen wir das Schlafzimmer in einen weniger gefährdeten Teil der Wohnung verlegen? Sollen wir überhaupt zuhause übernachten oder bei Freunden, in einem weniger gefährdeten Viertel?
Yassin: Die physische Gefahr war gar nicht einmal so groß, wir wussten ja vorher in etwa, wo die Israelis ihre Ladung abwerfen. Am schlimmsten ist diese ewige nervliche Anspannung. Darum haben wir versucht, so normal wie möglich weiterzumachen, gerade auch mit unserer künstlerischen Arbeit.
Haben Sie musiziert in der Zeit?
Kerbaj: Oh ja, es gab eine ganze Reihe von Aufnahmen und Sessions. Raed und ich haben, unabhängig voneinander, Klangstücke aus der Radio-Propaganda gebastelt. Und ich habe Improvisations-Duette mit den israelischen Bomberflugzeugen gespielt, Mazen Kerbaj (trumpet) vs. the Israeli Government (bombs). Ich bin auf meinen Balkon rausgegangen, hab meinen Mini-Disc-Rekorder angestellt und zum Sound der angreifenden Flugzeuge auf der Trompete improvisiert.
Hatten die Explosionen einen bestimmten Rhythmus?
Kerbaj: Nein, aber für Rhythmen interessiere ich mich auch nicht so. Unter Sound-Aspekten war das jedenfalls sehr interessant. Die Session hat insgesamt neun Stunden gedauert, ich würde gerne eine CD daraus machen. Auszüge davon kursieren im Internet unter dem Titel "Starry Night".
Yassin: Die Tonqualität ist allerdings ziemlich mies.
Kerbaj: Das stimmt, das Ganze ist ziemlich verrauscht, war auch ein windiger Abend. Ein Journalist aus London hat mich neulich gefragt, ob das nicht "geschmacklos" sei, Musik aus einem Bombenangriff zu machen. Ist es geschmackvoller, die Bomben abzuwerfen? Ich hab ihn eingeladen, bald mal aus London nach Beirut zu kommen, damit wir uns vor Ort über Geschmacksfragen unterhalten.
Wie wird es im Libanon weitergehen?
Kerbaj: Ich bin da wirklich sehr pessimistisch; ich glaube, dass wir direkt in einen neuen Bürgerkrieg hineingeraten. Jeder Führer versucht momentan, soviel Macht und Einfluss wie möglich für sich und seine community zu bekommen, und alles wird wieder werden wie vor 1990. Die einzige Zeit, in der die Libanesen vereint waren, war, als sie gegen den gemeinsamen Feind Israel kämpfen konnten. Kaum war der Krieg vorüber, gingen die alten Spannungen wieder los.
Yassin: Und jetzt ist es schon wieder so, dass man sich auf eine bestimmte Seite, zu einer bestimmten Fraktion schlagen muss; die Leute verstehen das gar nicht mehr, wenn du sagst: Ich will mit dem ganzen Quatsch nichts zu tun haben. Wenn du sagst "ich bin neutral", glauben sie, du hättest einfach nur Angst.
Kerbaj: Selbst kluge, gebildete, weltgewandte Freunde von uns bekennen sich plötzlich zu irgendeiner Partei; viele sprechen wegen irgendwelcher politischen Differenzen nicht mehr miteinander. Das ist furchtbar. Und es ist gefährlich - plötzlich ist dein nächster Nachbar dein Feind, wenn er glaubt, dass du auf der falschen Seite stehst. Vielleicht glaubt er morgen schon, dass er dich deswegen umbringen muss.
Yassin: Momentan scheint das Leben normal zu sein, die Restaurants sind geöffnet - auch wenn die Leute nicht mehr so viel ausgehen wie früher -, die Clubs sind geöffnet, wir spielen Konzerte. aber unter der Oberfläche gibt es eine ungeheure Spannung.
Kerbaj: Eine Stadt wie Beirut kann jeden Tag explodieren.
Haben Sie jemals daran gedacht, das Land zu verlassen?
Kerbaj: Als ich jünger war, wollte ich immer nach Paris oder Brüssel gehen - wegen der Comic-Szene dort. Inzwischen habe ich sogar, dank meiner Frau, einen französischen Pass. Aber ich könnte das nicht, irgendwo im Ausland sitzen und im Fernsehen verfolgen, was in Beirut passiert. Ich hasse diese Stadt. Aber ich liebe sie auch.
Yassin: Wir haben unsere "heilige" Mission: unsere Musik, unser Festival, all das, was wir angefangen haben. Wir müssen damit weitermachen. Und wenn man so arm ist wie ich, kann man sowieso nirgendwo anders hin.
Das Gespräch führte Jens Balzer.