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Jan 19, 2006
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Exhibition SMILE MACHINES
Exhibition SMILE MACHINES by Anne-Marie Duguet (aus dem Einleitungstext zum Katalog der Ausstellung) Alfred Jarry erfindet 1897-98 ein schönes Beispiel für den schwarzen Humor, die Enthirnungsmaschine. Und zwar in einem Lied aus Ubu Cocu (Akt 1, Szene 2), in dem die Enthirnung ein volkstümliches Schauspiel ist, das man sich am Sonntag mit der ganzen Familie ansieht. Da seht, seht wie die Maschine flitzt Da seht, seht wie das Gehirn schön spritzt Da seht, seht wie der Rentier arg schwitzt... Die Pfahlgeister: Hurra Horn zack Arsch Loch! Vatter Ubu lebe hoch! Georges Maciunas erfindet 1970-72 die Lächel-Maschine. Das ist ein kleines Instrument mit einer Spannfeder, das in den Mund gesteckt wird, um die Zähne freizulegen und ein ständiges Lächeln zu erzeugen. Nicht patentiert, ohne offiziell zuerkannte "Gemeinnützigkeit", ist diese Mundsperre dennoch höchst nützlich in Zeiten der allgemeinen Verdrossenheit, wenn die zur Schau gestellte und kontrollierte Form des Glücks zu einem Mittel wird, um glaubhaft zu machen, dass es wirklich existiert und – wie sich von selbst versteht – "gleichermaßen" von allen geteilt wird. Von einer Maschine bis zur anderen, von der Pataphysik bis zum Fluxus handelt es sich um die gleiche Grundhaltung, die Hohn und Spott benutzt, um bestimmte Evidenzen in Frage zu stellen, um Mythen und aufgeblasenen Dummköpfen die Luft herauszulassen und sichtbar zu machen, was manche lieber verheimlichen möchten. Heute sind Jarrys Maschine und Maciunas Instrument durch "maschinelle" Gefüge ganz anderen Umfangs abgelöst worden, aus denen der heutige mediatische und technologische Komplex zur Modellierung von Wünschen und Verhaltensweisen besteht, welcher zwar unsichtbar, aber dafür um so effektiver ist. (…) Das von Georges Maciunas’ Flux Smile Machine erzeugte Lächeln ist eine schreckliche Grimasse. Das Lächeln, zu dem über anderthalb Stunden sechs junge Frauen in Cheese, einer Installation von Christian Möller, gezwungen werden, ist tragisch. Wir erleben die Dressur des Lächelns durch eine Medienmaschine, die durch eine digitale Technologie zum Erkennen und zur Kontrolle von Ausdrucksformen unterstützt wird, welche beim geringsten Nachlassen der "Ernsthaftigkeit" ein Alarmsignal ausstößt. Das "oversmiling" ist eine Triebfeder der Marktwirtschaft (bei der die Frauen als erste die Kosten zu tragen haben), und, wie Deleuze erinnert: "Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle..." Die übertriebenen Höflichkeitsbekundungen in der Geschäftswelt, die ständigen Guten Tag-Wünsche und Umarmungen auf dem kleinen Bildschirm sind ein Zeugnis für die zunehmende Verkümmerung der menschlichen Beziehungen. Man muss das Spiel des Glücks spielen, das von den Verheißungen der immer weiter vorangetriebenen Technologien unterstützt wird. Die Ironie von Cheese ist ätzend und gnadenlos. Wenn das System wissenschaftlich und statistisch die Freiheitsspielräume definiert, die für sein eigenes Funktionieren notwendig sind, so erfinden die Künstler in diesen Spielräumen Überschreitungen; sie beschleunigen den alles infizierenden Virus, indem sie mehr oder anders spielen, als im verordneten, kalkulierten Spiel vorgesehen. Robert Filliou schlug folgendes Prinzip der permanenten Schöpfung vor: "was immer ihr denkt, denkt anders. Was immer ihr macht, macht etwas anderes." Eine beständige Übung der Verlagerung von Ideen und des Ausweichens, eine Art und Weise, sich zur Seite zu bewegen, gegen den Strom, sich auf Abstand halten, "im Krebsgang gehen", das wären einige Vorgehensweisen des Humors. Dieses Wort, das schließlich zu einem Gattungsbegriff geworden ist, umfasst eine breite Palette von unterschiedlichen Verhaltens- und Vorgehensweisen. Hohn, Ironie, Spott, Parodie, Satire, Karikatur, Wortspiele und Spiele mit Bildern haben nicht immer den gleichen kritischen Gehalt oder die gleiche kritische Wirkung, aber kommen alle durch die Einnahme einer Distanz zur Realität zum Tragen, um mit ihr zu spielen und Vergnügen bei diesem Spiel zu finden. Denn diese Unterbrechung unseres Haftens am Lauf der Dinge und diese momentane Aufhebung der affektiven Besetzung, die bei der Betrachtung des Ganzen und beim Scherzen notwendig sind, haben ein starkes Entdramatisierungs-, Erleichterungs- und Stimulationsvermögen. (…) Die Feinheit des Humors, die Dreistigkeit des Spottes und die ironischen Spitzen enthalten somit ein kritisches Potential, das – je nach den geschichtlichen, geographischen und kulturellen Kontexten, in denen sie angewandt werden, aber auch je nach dem, ob der Wille, einen Dissens zu erzeugen, vorangetrieben wird oder nur ein schlichter Teil des Spiels ist – mehr oder weniger provokativ und subversiv ist. (…) "Smile Machines" ist keine Ausstellung über den Humor. Diese Ausstellung durchzieht vielmehr ein gemeinsamer Geist, eine Haltung der Respektlosigkeit und der Provokation, und zwar vor allem was Spott und Ironie betrifft. Die vorgeschlagene Zusammenstellung hat nicht den Stellenwert einer These. Es handelt sich eher um Akzentuierungen, und zwar mal um bestimmte anvisierte Ziele: die Kunst, die Medien, die Technologien, der Alltag, und mal im Zusammenhang mit einer bestimmten Form von Humor: schwarzer Humor oder rosaroter Humor. Die Techniken sind verschieden, von der Stickerei und dem Rad eines Fahrrades bis zum Video, zur Robotik oder dem informatischen Erkennungssystem. Wenn die kritische und humoristische Haltung nicht mit einem bestimmten Medium verbunden ist, lohnt sich in einer Gesellschaft, die weitgehend durch digitale Techniken modelliert oder "moduliert" wird, wie Deleuze sagen würde, die Mühe, zu betrachten, wie die technologische Entwicklung durch ihre Operatoren selber auf Distanz gehalten werden kann. Die Verhöhnung der Technologie durch sich selbst Nam June Paik verlangt von den Technologien etwas anderes als sie sind, und dass sie etwas anderes tun, als sie tun. Er träumt von Möglichkeiten. Wenn er sagt, dass er die Technologie lächerlich macht ("I make technology ridiculous"), nimmt dieser "Techno-Idiot", wie er sich selbst nennt, sie sehr ernst, das heißt, er entweiht sie. Dabei löst er systematisch ihre Einheit auf. Mit einer absoluten Idee des Relativen, des Provisorischen und der Variabilität überprüft Paik die Grundbestandteile dieser elektronischen Maschinen und verarbeitet sie - im Gegensatz zu den technischen Standardkonfigurationen, die die Flüsse stoppen, Umwandlungsmöglichkeiten blockieren und einen Zustand der imaginären Unterausbeutung erzwingen. Skrupellos setzt er die Maschinen neu zusammen und spielt mit ihnen, und er spielt vor allem mit unverhohlenem Vergnügen. Mit einer ähnlichen Haltung des distanzierten und amüsierten Interesses für Technologien, und indem sie aus Neugier, aus Experimentierfreude (…) ein Projekt entwickeln, bemühen sich mehrere Künstler um eine Entmystifikation ihrer Implikationen. Sie relativieren ihre Großtaten und ihre Funktionen, verspotten die heilbringenden Missionen, die man ihnen zuschreibt, und zeigen eben dadurch ihre potentiellen Möglichkeiten. Ob sie nun Deregulierungen durch Akkumulation, durch Übertreibung bis hin zum Absurden (Jodi) vornehmen, oder insgeheim, aber dennoch ganz gezielt etwas aus der Wirklichkeit in eine Illusion des Virtuellen einschmuggeln (Videogame von Stéphane Gilot) – diese Arbeiten sind ein Experiment mit dem latenten Chaos der Systeme, ein Kommentar zum Bruch und zum Taumel der Leere in Gesellschaften, die Güter im Überfluss haben. Die aktuellen technologischen Entwicklungen – insbesondere dank der Unterstützung durch die kognitiven Wissenschaften und durch Forschungen zur künstlichen Intelligenz und zum künstlichen Leben – sind ein Anlass, die Frage der Mimesis, die traditionellerweise mit dem Bild verbunden ist, neu zu überdenken. Die Arbeiten, die aus der fortgeschrittenen Robotik hervorgegangen sind, führen somit in den Bereich der Kunst eine Auffassung von Autonomie ein, die nicht mehr die der Mechanik oder des Automaten ist. Indem das Werk logische Prozeduren, die dem Menschen eigen sind, mit einem derartigen Grad von Komplexität simuliert, dass es von sich aus analysieren und Initiative zeigen kann, stellt es nicht mehr nur eine Erscheinung, ein Verhalten dar, es "ist" Verhalten. Die "robots", die von den Künstlern seit den 60er Jahren geschaffen wurden, (…) erinnern kaum noch an das, was man gemeinhin so bezeichnet. Sie haben allenfalls eine symbolische Funktion, sind zu nichts nutze und können niemanden ersetzen; sie sind weder Spiele noch Spielzeuge. Sie sind völlig nutzlos, nicht immer sehr zuverlässig und haben nur begrenzte Fähigkeiten. (…) Petit Mal von Simon Penny und The Helpless Robot von Norman White werden Störungen und "Absenzen" ausgesetzt. Und der Anteil der Indetermination, mit dem Petit Mal versehen wurde, ist keine Fehlfunktion, sondern ein Element seiner Vervollkommnung, denn "es ist gerade diese Marge an Indetermination, die es der Maschine ermöglicht, sensibel für eine von außen kommende Information zu sein", wie Gilbert Simondon zeigt. Die Komplexität der Prozeduren und das Abstraktionsniveau des Programms erlauben es nicht, einfach Technologie und Bastelei gegenüberzustellen. Der Humor geht im Gegenteil aus der explosiven Verbindung beider hervor, und gerade durch ihre Konfrontation können völlig einzigartige und überraschende Systeme erfunden werden. Norman White und Simon Penny gehen ganz handwerklich mit ihren Robotern um. Ersterer recycelt einen Computer, und letzterer reduziert die Grundelemente auf das, was unbedingt notwendig für das Funktionieren des Systems ist. Sie haben nichts Anthropomorphes: The Helpless Robot sieht aus wie ein Sarg, und Petit Mal eher wie ein Rollstuhl, aber sobald irgend etwas in ihnen lebendig wird (die Agilität der Ortsveränderung oder die gesprochene Sprache), sobald ein Anschein von Autonomie wahrnehmbar wird, gerät diese Unähnlichkeit in Vergessenheit und eine "menschenartige Wirkung" kommt zustande, die den Besucher zu allen möglichen Projektionen verleitet. Zum Gegenstand des Humors kann durchaus der Besucher selber werden, der ein leichtes Zurückweichen als Furcht und eine Vorwärtsbewegung in seine Richtung als Neugier interpretiert. Sensibel für seine Umgebung, in der Lage, seine Reaktionen zu diversifizieren und dabei zu lernen, versucht der Roboter, Beziehungen zum Menschen zu unterhalten, und dieses Verhältnis konstituiert sich von vornherein als menschliche Beziehung, ob es nun eines der Herrschaft oder der Sympathie ist. Je mehr man auf die Fragen des Helpless Roboter eingeht, um so mehr fordert er und um so aggressiver wird er. Der Roboter ist kein Sklave mehr, er macht den anderen zu seinem Sklaven. Eine solche Umkehrung ist sowohl eine Satire über die menschliche Psychologie als auch über den Gemeinplatz der Bedrohung, den die Entwicklung solcher autonomen "Kreaturen" angeblich für den Menschen darstellt. Die Bastelei ist mit Sicherheit eine Form von Widerstand gegen technologische Auswucherungen und den technologischen Bluff, und die Maschinen von Jean Tinguely rufen immer ein Lächeln hervor wegen der genialen Einfachheit einer manchmal komplexen Funktionsweise, die immer auf einem Wunder zu beruhen scheint. Remue-Ménage von Jean-Pierre Gauthier, eine Arbeit, die ausgehend von der Wiederverwertung und Neuanordnung von Alltagsgegenständen geschaffen wurde, nutzt die Möglichkeiten eines transparenten Fadens, um die Illusion einer Autonomie dieser Elemente zu schaffen, die sich vor den Augen des Betrachters und ohne sein Zutun verwandeln. Die äußerste Konsequenz dieser Autonomie erlebt man in dem Video Before Television von Ximena Cuevas, in dem die Künstlerin von ihrem Staubsauger verfolgt wird, ein vollendeter Alptraum vom Aufstand der Haushaltsgegenstände und eine Parodie des Slapstick-Films. Immer noch Kunst? Auch wenn die künstlerischen Aktivitäten zu einem guten Teil die institutionelle Szene verlassen haben und die Kritik der Kunst für die jungen Künstler kein Thema mehr ist, hat der Humor einiger Arbeiten in dieser Hinsicht, auch wenn sie aus den 70er Jahren stammen, nichts von seiner Lebendigkeit verloren. Der Denker von Nam June Paik ist eine Rodin-Statue, die in live über ihr eigenes Bild auf einem Videobildschirm nachdenkt. Diese mediatisierte Introspektion – die paradoxerweise darin besteht, einen geschlossenen elektronischen Kreislauf dazu zu benutzen, die Unbeweglichkeit einer Statue aus einem anderen Jahrhundert einzufangen – ist ein gutes Beispiel für die humoristische Inkongruenz, die Techniken und Epochen miteinander konfrontiert. Aber vor allem bezieht sich der Skeptizismus der Pose, der den gesamten ehrwürdigen Denker charakterisiert, hier auf das Fernsehen, und des weiteren auf die Technologie. Die Tautologie, die Kurzschließung des Systems ist ein kritischer Vorgang, die bei mehreren Arbeiten von verschiedenen Modalitäten der Selbstverspottung und Selbstbezüglichkeit begleitet wird. "Dies ist offensichtlich keine Pfeife." Dies ist das Werk und nichts anderes. Cela/That/Dat von Michael Snow (2000) beschreibt in einer Partitur für drei Sprachen und drei Bildschirme das, was man sieht, dieses ausgestellte Werk, so wie es von einem gerade betrachtet wird oder nicht, hier und jetzt, und dies ist das ganze Werk. Michael Snow spielt mit der Evidenz und der Buchstäblichkeit der Bezeichnung und profitiert davon, um spöttisch hier und da ein paar spitze Bemerkungen über Gebrauchsformen, überkommene Erwartungen und Codes zu machen, die unser Verhältnis zur Kunst bestimmen. Was Les Levine betrifft, so verspottet er die modernistischen Positionen der 60er Jahre, denen zufolge die Probleme der Kunst nichts mit denen der Gesellschaft zu tun haben: "I’m an artist, I don’t want to be involved", und Robert Filliou beschreibt mathematisch das Äquivalenzprinzip in der Kunst (And So On, End So Soon, Done Three Times), um zu erklären, dass Kunst von jedermann gemacht werden kann. Die Prinzipien der Nicht-Beurteilung, der Nicht-Bewunderung und des Nicht-Vergleichs kommen dieser unwiderruflichen Abschaffung der Kriterien der Anerkennung zur Hilfe. Dieses "Genie ohne Talent", dieser Gründer des "Territoriums der genialen Republik", Schöpfer des Projekts "COMMEMOR/Commission Mixte d’Echanges de Monuments aux Morts" [Gemischte Kommission zum Austausch von Kriegsdenkmälern] zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden spielt auch mit Grenzen, Fahnen und Staatszugehörigkeiten. This Flag is Meant to Straddle... ist ein leerer Rahmen, eine offene und fragile Grenze, die überquert wird, ohne dass man es merkt. Das Wiederkäuen in den Medien "Die enkratische Sprache jedoch (die Sprache, die unter dem Schutz der Macht entsteht und sich ausbreitet) ist ihrem Status nach eine Wiederholungssprache; alle offiziellen Sprachinstitutionen sind Wiederkäuungsmaschinen: die Schule, der Sport, die Werbung, die Massenware, der Schlager, die Nachrichten sagen immer die gleiche Struktur, den gleichen Sinn, oft die gleichen Wörter: die Stereotypie ist ein politisches Faktum, die Hauptfigur der Ideologie." So sieht also die Gesamtheit des Medienbereiches aus, der als Referenz und Reservoir an Figuren und Botschaften dient, aus denen die Künstler schöpfen, um sich über seine Prozeduren lustig zu machen und seine Zielsetzungen aufzudecken. Indem sie ihm Fragmente von Bildern entnehmen, sie dann neu zusammensetzen und sie wiederholen, um den Diskurs bis hin zum Absurden zum Stottern zu bringen, zeigen die Künstler die Bedeutungslosigkeit und zugleich die Wiederholung, die seine Macht ausmacht. Dara Birnbaum isoliert kurze Sequenzen aus der Fernsehserie Wonder Woman, stellt die Schlüsselmomente still und wiederholt sie, welche so in ihrer krassen und klischeehaften Inkonsistenz enthüllt werden. Kim Beom macht eine höchst präzise Chirurgie im Text von einigen Nachrichtensprechern im Fernsehen, um aus diesen Mikro-Elementen einen Paratext neu zusammenzusetzen, der aus den persönlichen Träumen des Fernsehzuschauers besteht und keine Beziehung zu den präsentierten Ereignissen hat – eine Konsequenz der Übersättigung mit Informationen. Was die Spiegelmaschine Slogans von Antoni Muntadas betrifft, so versetzt sie den Betrachter in ein Universum von Werbesprüchen in drei Sprachen, die sich in einem Spiegellabyrinth reflektieren und bis ins Unendliche vervielfachen. Denn es ist immer und überall die gleiche Bombardierung mit Werbung, die dazu einlädt, dem Alltag zu entfliehen, um eine Traumreise zu machen und die zweifelhaften Freuden der Konsumwelt zu genießen. Aber durch Wiederholung und Verstärkung annulliert sich die Botschaft in sich selber, wird sie vom digitalen Raster, das sie hervorbringt, absorbiert und abstrahiert. Infiltration und Simulation als kritische Strategie Nicht mehr in der abgetrennten Sphäre der Kunst agieren, sondern an den Schauplätzen des Verbrechens selbst, maskiert bei hellem Tageslicht vorgehen, das ist die Art von Offensive, für die The Yes Men sich entschieden haben. Ihre List besteht darin, die Argumente ihrer Gegner zu benutzen und sich die Identität von Personen anzueignen, die gewisse notorische oder geheime kriminelle Verhaltensweisen aufweisen, um sie zu "korrigieren", indem einfach auf bestimmten ökonomischen und geschichtlichen Tatsachen beharrt wird und indem ihre Profitlogik auf den Gipfel ihrer Konsequenzen getrieben wird. So präsentieren sie mit größtem Ernst vor einer Versammlung von Bankiers und Leitern von großen Unternehmen eine revolutionäre Technik, die es ermöglicht, den "akzeptierbaren Grad an Risiken" zu berechnen, auf die ein Unternehmen in verschiedenen Ländern trifft, und zwar insbesondere was den Verlust an Menschenleben betrifft. Ein Golden Skeleton ist die Belohung für die besten Entscheidungen in diesem Bereich! Die Vollendung der sozialen und politischen Kontrolle durch die Bürokratie wird in Hohn und Spott verwandelt durch G3-Bureaucrazy der Künstlergruppe ubermorgen.com, die Apparate zur Herstellung von echt falschen Ausweispapieren oder Bankdokumenten erfindet, welche genauso echt sind wie die angeblichen Originale – ein Begriff, der durch die Informatik zwangsläufig annulliert wird. Was den Automatischen Emotionsverteiler von Maurice Benayoun betrifft, so handelt es sich um einen Analysator von Emotionen auf der ganzen Welt, der mit einer Suchmaschine (natürlich auf Englisch) arbeitet, die im Internet systematisch nach deren Ausdrucksformen sucht. Dieses zur Verfügung stellen von Emotionen zur Selbstbedienung, die man dosieren kann, bevor man sie in Form eines musikalischen Angebots mitnimmt, ist ein ironischer Kommentar zum Zynismus der großen Medien. Auf der Suche nach Lebensformen in den Tiefen der Erde untersucht Agnes Meyer-Brandis unterirdische Eisberge mit Hilfe eines sensiblen Interfaces, sprich mit einer Sonde, die sie mit den Fingerspitzen oder am Ende eines Fadens steuert, um in "Echtzeit" eine Kombination von wissenschaftlichen und fiktiven Gegebenheiten sichtbar zu machen. SGM Iceberg Probe, Performance und Installation, gehört zur "Vertigo-technology" und ist eine humoristische Versuchsanordnung, die auf die Mythen und die Ideologie vom Weltraum (und ihre Darstellung im Film) und zugleich auf die technischen und gesellschaftlichen Methoden des wissenschaftlichen Experiments gerichtet ist. Schwarzer Humor und rosaroter Humor Am einen Pol der schwarze Humor, der sich auf Krieg, Sex, Tod, Religion, Kindheit und alles, was heilig und tabu ist, bezieht, und der die dramatischsten Dinge leicht macht. Eine Kunst, das Tragische auf die Seite einer vorgetäuschten Gleichgültigkeit zu versetzen, um dort zu überleben, und die es laut Freud mehr als jede andere Form von Distanzierung ermöglicht, dass "eine Gefühlsregung vermieden wird, die wir als eine der Situation gewohnheitsmäßig zugeordnete erwartet hätten". Die Suljo- und Mujo-Witze über den Bosnienkrieg, die Maja Bajević für Black in Black zusammengestellt hat, sind offensichtlich ein Mittel, dem Horror die Stirn zu bieten, indem man sich darüber lustig macht. Der schwarze Humor ist reines Dynamit, er ermöglicht es, unbequeme Wahrheiten zu sagen und das gesellschaftlich und individuell Verdrängte durch Lustigkeit zu überschreiten, und zwar mit voller Wucht. So sind die Videos von Tamy Ben-Tor über Hitler eine Folge von galligen und dreisten Parodien, die sich auf die Verlegenheit des Betrachters selber beziehen, der beim Lachen überrascht wird. "Die Marter [Folter] beruht auf einer quantifizierenden Kunst des Schmerzes." Death is Certain von Eva Meyer-Keller inszeniert einen kalkulierten und langsam, sorgfältig geplanten und unaufhaltsamen Tod. Sie verschiebt diese sadistische Kälte der Folter, indem sie sie an hübschen Kirschen vornimmt. Mit Hilfe von kleinen Alltagsinstrumenten werden sie gebranntmarkt, unter Wasser getaucht, aufgehängt und zerquetscht, wobei die Künstlerin einem vollkommen regulierten Ritual folgt, das noch durch die streng beibehaltene Bildeinstellung auf den Seziertisch verstärkt wird. So entsteht durch die Verführungskraft der Ästhetik eine Metapher für das sadistische und politische Verbrechen aller Zeiten in allen Ländern. (…) Ein seltsamer Humor zeigt sich in dem Stück von Paul DeMarinis, Grind Snake, das eine Hommage für seinen verstorbenen Freund, den Künstler Jim Pomeroy, ist. Die Erinnerung an eine geliebte Person mit einem Portrait, einem Foto oder Film wiederzubeleben, ist nichts Besonderes und ruft kein Lächeln hervor. Aber wenn es die Hand eines Affen ist, die das Portrait des Verstorbenen mit einem Laserstift zeichnet, und wenn es dem Portrait an Realismus mangelt, wenn eine Klangwiedergabe das Schnarchen des Toten vernehmen lässt, dann fehlt es der Hommage nicht an Humor. Jim Pomeroy fehlte es daran sicherlich auch nicht. In seinen Texten, Performances und Videos entmystifiziert er durch die manchmal raffinierte Bastelei mit allen möglichen 3D-Systemen, 4D-Brillen und einem Musikhut die Technologie, ihre Ursprünge und ihre ökonomischen Grundlagen, wobei er systematisch alle Formen von Autorität, den Patriotismus und den Imperialismus verspottet. Der Vietnamkrieg und die ersten Schritte auf dem Mond waren der Kontext eines großen Teils seiner Aktivitäten. Am anderen Pol, das andere Extrem: das Leben durch eine rosarote Brille gesehen. Hier geht man auf die Seite der Bejahung des Glücks über, zum Exzess der Verzückung und des Wohlbefindens, durch den Hohn des Gemeinplatzes. C’est bien la société [So ist die Gesellschaft nun mal] von Valérie Pavia lässt sich mit seinem Titel zusammenfassen. Annette Messager hat Sprichwörter gesammelt, die von Jahrhundert zu Jahrhundert das Bild der Frauen in der Gesellschaft geprägt haben, und sie hat sie gestickt. Die Sammlung selber ist schon eine humoristische Gebärde, die der Natur des Klischees noch einen weiteren Dreh gibt, aber wenn die Stickerei eine Aufgabe ist, die traditionellerweise den Frauen zugewiesen wird, dann sicherlich nicht, um dabei festzuschreiben, was sie unterdrückt. (…) Mit seinem Hund Man Ray als Hauptprotagonisten dreht William Wegman in den 70er Jahren kurze Videoszenen, die durch Übertreibung, Überraschung und Unangemessenheit satirisch mit dem gesunden Menschenverstand und den menschlichen Verhaltensweisen umgehen: Integration der Werbesprache (Deodorant), Begeisterung der Zuschauer bei einem Tennisspiel (Dog Duet), das Lernen in der Schule (Spelling Lesson), etc. Die Projektion der menschlichen Psychologie auf ein Tier, das in seinen Reaktionen viel unvorhersehbarer als ein Roboter ist, bleibt ein ziemlich sicheres Mittel der Komik. All diese künstlerischen Ansätze zeigen in ihrer extremen Vielfältigkeit jeweils auf eigene Weise die Widersprüche einer weitgehend durch Technologien geprägten Gesellschaft. Und sie ermöglichen es, aus dem Pathetischen herauszukommen, um ihre Möglichkeiten zu relativieren und um zu überdenken, was sie determiniert. Die humoristische Haltung setzt eine Energie frei, die in der Lage ist, die Wahrnehmung von Dingen zu stimulieren, und natürlich auch den Wunsch und das Begehren, ohne welche keine Veränderung denkbar ist. Die Möglichkeit der Ironie, der Persiflage und des Scherzes zu verteidigen, bedeutet immer ein bisschen Freiheit zu verteidigen. Aus dem Französischen von Ronald Voullié.
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