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Jan 19, 2006
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Interview Andreas Broeckmann
Andreas Broeckmann: Interview zur transmediale.06 Die transmediale.06 steht unter dem Motto 'Reality Addicts', die dazugehörige Ausstellung beschäftigt sich unter dem Titel 'Smile Machines' mit dem Thema Humor. Ist die 'Wirklichkeitssucht' augenzwinkernd gemeint? Andreas Broeckmann: Beim Festival in diesem Februar wird es zwei thematische Schwerpunkte geben. Der eine ist vorgegeben durch das kuratorische Konzept für die sechswöchige Ausstellung, die wir in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zeigen. Die französische Kunsthistorikerin Anne-Marie Duguet hat unter dem Titel 'Smile Machines' eine Ausstellung über Humor, Kunst und Technologie zusammen gestellt, die einen historischen Bogen schlägt von Fluxus und Videokunst der 1960er Jahre, über interaktive Maschinen und künstlerische Medienkritik der frühen 90er, bis hin zum aktuellen Netzaktivismus und Videoperformances. Auch hier versuchen wir dem Eindruck entgegen zu arbeiten, dass alle zwei, drei Jahre ein komplett neues Zeitalter beginnt. Der thematische Schwerpunkt des Festivals trägt den Titel 'Reality Addicts' und beschäftigt sich mit einem Phänomen, das dem Humor eng verwandt ist. Humor ist eine Haltung gegenüber der Wirklichkeit, die deren Zwänge und Regeln nicht allzu ernst nimmt, sondern durch Ironie, Übertreibung oder Absurdität bricht und unterläuft. Dadurch entstehen brüchige, exzessive Variationen auf die Realität. Die 'Wirklichkeits-Sucht' der 'Reality Addicts' beschreibt eine solche Haltung, die sich aus den glatten, homogenen Bildschirmrealitäten weniger macht als aus der lauten, verrauschten, trashigen Wirklichkeit, die auf uns wartet, wenn die PlayStation und der MP3-Spieler keinen Saft mehr haben. Warum ist die transmediale vom Haus der Kulturen der Welt weggezogen? Andreas Broeckmann: Es gab zwei entscheidende Gründe: Die 'Smile Machines' Ausstellung soll bis in den März hinein gezeigt werden, die entsprechenden Räume standen aber im Haus der Kulturen nur bis Ende Februar zur Verfügung. Da wir Festival und Ausstellung unbedingt zusammen präsentieren wollen, machte das einen Umzug notwendig. Ein weiterer Grund ist, dass das HKW im Winter 2007 wegen Renovierungsarbeiten geschlossen sein wird, wir also für die transmediale.07 sowieso einen neuen Ort finden mussten. Wie weit geht die Kooperation mit der Akademie? Gibt es eine inhaltliche Zusammenarbeit? Ist die Kooperation langfristig angelegt? Andreas Broeckmann: Wir haben uns mit der Akademie über die Inhalte des Festivals abgestimmt und haben sehr großes Entgegenkommen erfahren. Die Akademie hat uns sehr herzlich willkommen geheißen und hat sich bemüht, dass wir das Programm nach unseren Wünschen durchführen können. Dabei ist es ein erklärter Wunsch beider Seiten, nach gemeinsamen Interessen zu schauen und diese auch im Festival zum tragen kommen zu lassen. Wie weit das gehen kann, wird sich noch zeigen, denn in diesem Jahr machen wir den ersten Schritt und lernen uns kennen. Unser jetziger Kooperationsvertrag gilt für 2006 und 2007, wie es danach weitergeht werden wir noch besprechen. Wird der neue Veranstaltungsort in der Akademie der Künste am Hanseatenweg das Festival verändern? Andreas Broeckmann: Ein so besonderes Haus wie die Akademie am Hanseatenweg prägt natürlich eine Veranstaltung wie die transmediale. Das Festival war mit seinem Programm in den letzten Jahren sehr eng verbunden mit der Atmosphäre und den Räumlichkeiten im Haus der Kulturen der Welt. Deshalb haben wir in den letzten Monaten viel darüber nachgedacht, wie man die transmediale in den neuen Räumen weiterentwickeln kann. Wir sind uns bewusst, dass manches vielleicht nicht auf Anhieb optimal klappt, das machen wir dann 2007 anders. Aber wir freuen uns sehr darüber, dass wir das Festival und seine Strukturen nochmal ganz neu durchdenken mussten, und glauben, dass wir eine interessante, bisweilen überraschende neue transmediale auf die Beine gestellt haben. Welche Teile des Festivals wurden den räumlichen Zwängen 'geopfert'? Gibt es neue Sektionen? Andreas Broeckmann: Am auffälligsten an der Akademie sind die großzügigen Ausstellungsräume und das sehr gut proportionierte Auditorium. Die Clubräume und das Studiofoyer laden zu intimeren, weniger 'öffentlichen' Begegnungen ein, als die radikale Offenheit des HKW dies ermöglichte. Wir haben deshalb den 'Salon'-Bereich des Programms gestärkt und regen im Clubraum der Akademie während des gesamten Festivals mit Vorträgen und Präsentationen zu einem intensiven Gespräch über den Stand der Kunst mit Medien an. Die wichtigste Einschränkung ist, dass wir nur einen großen Saal - das Studio - haben, den sich die Konferenz und das Film- und Videoprogramm teilen werden. Dadurch mussten wir auf die Präsentation größerer audiovisueller Performances in diesem Jahr leider verzichten. Der Vorteil dabei ist aber, dass wir die Programme im Studio inhaltlich enger aufeinander abstimmen konnten, sodass sich das Film- und Videoprogramm ebenfalls stark auf das Festivalthema bezieht. Zugleich versuchen wir mit dem 'Reality Market' im Foyer der Akademie wie in den Vorjahren eine offene, dem Publikum unmittelbar zugewandte Präsentation von Projekten zu schaffen, die sich mit aktuellen medienkulturellen Themen beschäftigen und die ganz auf den Austausch mit den Besuchern ausgerichtet sind. Verlagert die transmediale.06 ihren Schwerpunkt auf die Ausstellung 'Smile Machines'? Andreas Broeckmann: Die Ausstellung ist natürlich ein großer und wichtiger Teil des Festivals, der schon durch die längere Laufzeit für die Sichtbarkeit der transmediale gewiss eine wichtige Rolle spielen wird. Allerdings wird am Eröffnungswochenende wohl die ganze Akademie mit dem wohlbekannten Festivalleben 'brummen'. Das Festival bleibt uns so wichtig wie bisher, und die Ausstellung kommt alle zwei Jahre als 'Extra' hinzu. Warum haben Sie sich für Anne-Marie Duguet als Kuratorin entschieden? Andreas Broeckmann: Es gab eine Kommission, der der Künstlerische Beirat und die Leitung der transmediale angehörte und die im Herbst 2004 mehrere Vorschläge für ein Ausstellungsprojekt evaluiert hat. Hieraus stach das Konzept von Anne-Marie Duguet deutlich hervor, weil sie mit einem sehr ungewöhnlichen thematischen Fokus - dem Humor - und mit einer bewussten historischen Perspektive angetreten ist, die nicht kurzsichtige Aktualität suchte, sondern die Genese gegenwärtiger künstlerischer Praxis über einige Jahrzehnte darstellen wollte. Dies ist ihr in der Ausstellung 'Smile Machines' in überzeugender Weise gelungen. Werden in der Ausstellung auch die für den transmediale award nominierten Arbeiten gezeigt? Andreas Broeckmann: Die Ausstellung ist schon vor mehr als einem halben Jahr konzipiert worden, weshalb die Arbeiten aus dem Wettbewerb bis auf eine Ausnahme keine Berücksichtigung finden konnten. Wir zeigen die nominierten Arbeiten aber im Rahmen des Festivals, sowie andere Arbeiten, die zahlreiche Brücken schlagen zwischen 'Smile Machines' und 'Reality Addicts'. Welche Rolle spielt der Wettbewerb der transmediale in diesem Jahr? Wie war die Resonanz auf die diesjährige Ausschreibung im Vergleich zu den Vorjahren? Andreas Broeckmann: Die Gesamtzahl der Einreichungen zum Wettbewerb war mit rund 1.000 Arbeiten so hoch wie in den Vorjahren. Wir haben uns bei der Ausschreibung in diesem Jahr besondere Mühe gegeben, auch Künstler außerhalb der westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten zu erreichen, und das scheint in überraschendem Maße gelungen zu sein. So hatten wir eine ansehnliche Zahl von Einreichungen aus Südamerika, aus Asien und auch aus Mittel- und Osteuropa. Eine ganze Reihe von diesen Arbeiten haben wegen ihrer Qualität, nicht wegen der geografischen Provenienz, den Weg ins Programm gefunden, sodass wir vor allem in der Lounge und im Videoprogramm eine sehr interessante kulturelle Mischung von Werken zeigen können. Außerdem hat uns die diesjährige Jury einen wichtigen, nicht unkritischen Ergebnisbericht in's Stammbuch geschrieben, der sich in die Debatte um die Rolle des Medialen in der Gegenwartskunst einmischt und beim Festival bestimmt zu engagierten Diskussionen führen wird. Aus dem internationalen Medienkunstfestival wurde das Festival for Art and Digital Culture. Warum hat die transmediale.06 diesen neuen Untertitel? Andreas Broeckmann: Die transmediale bietet auch in diesem Jahr eine aktuelle Standortbestimmung der Kunst mit und durch digitale Medien. Es gibt seit einigen Jahren auf dem Festival eine Diskussion darüber, ob die Bezeichnung 'Medienkunst' überhaupt Sinn macht, wenn alle Künste irgendwie 'medial' sind und wenn Technologien wie Video, Computergrafik oder das Internet in der Gegenwartskunst zunehmend allgemeine Anerkennung erfahren. Weder 'Medialität' noch 'Interaktivität' sind klar definierte Unterscheidungskriterien, weshalb wir ja schon vor zwei Jahren die Festivalkategorien aufgegeben haben. Dies war eine Entscheidung, die sich unbedingt bewährt hat, und wir haben jetzt einen nächsten Schritt gesetzt: Wir wollen heraus aus der Nische 'Medienkunst' und sagen, dass es um Kunst geht, nicht um irgendeine technologisch determinierte Form von Kunst; und es geht um das Feld der 'digitalen Kultur', also um den Bereich der Gegenwartskultur, in dem elektronische und digitale Technologien zunehmend wichtig werden. Das betrifft sowohl künstlerische Kreativität als auch Kommunikationsformen, Arbeitsstrukturen, und Unterhaltungsangebote. Im Festival interessieren uns vor allem die Stellen, an denen diese Veränderungen besonders deutlich zu spüren, besonders neuralgisch sind. Und wir zeigen, wie die Künstlerinnen und Künstler auf exemplarische Art und Weise mit diesen Veränderungen umgehen. Wie ist das Verhältnis zwischen Club Transmediale und dem transmediale Festival? Andreas Broeckmann: Der Club Transmediale findet wie in den Vorjahren als eigenständige Veranstaltung statt, zeitgleich mit der transmediale. Von außen werden beide oft als eine Sache wahrgenommen, weil beide sich natürlich vom Programm her sehr gut ergänzen. Der Club wird aber ganz unabhängig von einem eigenen Team und mit eigener Programmphilosophie entwickelt, organisiert und finanziert, das seit einigen Monaten unter dem neuen Label 'Disk' firmiert. Wir stimmen uns mit dem Club Transmediale regelmäßig ab und suchen nach inhaltlichen und praktischen Schnittstellen, weil wir natürlich auch gegenseitig von der Gleichzeitigkeit profitieren – bei den Künstlern, wie auch beim Publikum, das aus ganz Europa nach Berlin kommt, um die beiden Festivals zu erleben. Wir freuen uns, dass wir hier in Berlin die Möglichkeit haben, Kunst, elektronische Musik und digitale Kultur in einer solchen Konzentration vorstellen können – eine in Europa ziemlich einmalige Gelegenheit.
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