Byung-Chul Han

Das schließende Denken neigt dazu, das Offene zu tilgen. Der Schluß auf der logischen Ebene entspricht der Geschlossenheit auf der räumlichen-ästhetischen Ebene. Man schließt einen Raum. Man schließt aber auch von etwas auf etwas. Der Schluß, diese logische Form des Schließens strebt die Beseitigung des Offenen an. Das fernöstliche Denken ist kein schließendes Denken. Es erfolgt nicht in Schlüssen und Urteilen. Es kommt nicht zur Ruhe an einem endgültigen Schluß, der im westlichen Denken "Gott" hieße. Entsprechend wirkt der fernöstliche Raum offen. Auch die Häuser wirken offener und durchlässiger als im Westen. In einem alten fernöstlichen Haus wohnt man nicht in vier Wänden, sondern eher zwischen Türen und Fenstern. Auf der ästhetischen und architektonischen Ebene finden im Fernen Osten wenig Schließungen statt. Ein Raum gibt vielmehr Raum für einen anderen Raum. Ein Raum öffnet sich für weitere Räume. Es kommt nicht zu einer endgültigen Schließung.

Sowohl das Denken als auch das Wohnen setzen ein Schließen voraus. Jedes Haus, jeder Organismus beruht auf Schließungen. Aber es gibt unterschiedliche Formen des Schließens. Es gibt Schließung, die auf Abgeschlossenheit angelegt ist. Es gibt Schließung, die in eine Verschlossenheit mündet. Die end-gültige Schließung führt zu einer Ausschließung, zu einer Gewalt. Schließungen und Schlüsse sind zwar notwendig fürs Denken und Handeln. Aber sie können auch unterschiedliche Formen der Gewalt verursachen. So gilt es, über die Möglichkeit, über die Notwendigkeit nachzudenken, freundlich zu schließen, über jene Form des Schließens, die aufs Öffnen hin angelegt, darauf bedacht ist.

Thomas Macho: Öffnen – Schließen, Anfangen – Aufhören

Die Tätigkeiten des Öffnens und Schließens werden gewöhnlich auf Räume bezogen. Wir öffnen oder schließen eine Schatzkammer, einen Vorratsspeicher, eine Truhe, einen Tresor. Manchmal werden Räume auch eröffnet: etwa bei einer Vernissage. Ihre Öffnung – als Eröff­nung – gilt nicht nur dem Raum, sondern auch der Zeit. Ausstellungen oder Feste beginnen; und sie hören auf (was durch eine Finissage gefeiert werden kann). Öffnen und Schließen werden gleichsam identifiziert mit Anfangen und Beenden. Und so wie sich Kulturen durch ihre Techniken des Öffnens und Schließens charakterisieren lassen, gewinnen sie auch ihre unverwechselbare Gestalt durch ihre Ideen vom (eigenen) Ursprung und Ende, von Geburt und Tod, von Schöpfung und Weltuntergang. Doch haben nicht alle Kulturen – in Geschichte und Gegenwart – spezifische Ursprungs-, Schöpfungs- oder Untergangsmythen hervorge­bracht. Die Leitfrage des Vortrags lautet daher: Wie haben kulturelle Vorstellungen von der Zeit, von Anfang und Ende, die konkreten Beziehungen einer Kultur zum Offenen und Ge­schlossenen, zum Öffnen und Schließen, beeinflußt oder gar konstituiert?