Feb 05, 2007

Netzeitung: Der Medienkunst gehen die Lichter auf


Der Medienkunst gehen die Lichter auf
05. Feb 10:58

Foto: Transmediale
Auf der Transmediale wurde darüber diskutiert, ob der Begriff der Medienkunst überhaupt ein abgrenzbares Feld beschreibt. Doch schnell spitzte sich die Frage zu: Welchen Sinn haben Medienkunstfestivals, wenn sie so sind, wie sie sind?


Von Ulrich Gutmair

Für Timothy Druckrey, den «alten Medienhippie», wie ihn ein langjähriger Beobachter der Szene nachher nennen wird, sind Foster, Krauss, Bois und Buchloh die vier Reiter der Apokalypse. Das eng mit dem amerikanischen Kunstmagazin «October» verbundene Quartett hat nämlich 2004 einen dicken Schinken herausgegeben, der nichts weniger zu katalogisieren behauptet als die «Kunst seit 1900».


Druckrey interessiert sich gar nicht für den dort niedergelegten Kanon. Er echauffiert sich bloß darüber, dass «wir» darin so gut wie nicht vorkommen. Mit diesem großen «Wir» meint er wohl die Community derer, die unter dem Banner der «Medienkunst» oder gar der «Neuen Medienkunst» forsch in die Zukunft streben.
Wer sind wir denn?

Neben ihm sitzt Diedrich Diederichsen, der alte Kunstpunk, der sich darüber wundert, wie leicht Druckrey und anderen besagtes «Wir» über die Lippen komme. Wo er herkomme, sei das schlicht und einfach undenkbar. Über Druckreys Klage kann er ohnehin nur schmunzeln. Das Schlimme am solchermaßen für alle Ewigkeit in Stein gemeißelten October-Kanon sei doch vielmehr, dass die hier vorkommende Kunst, die ihm - im Gegensatz zu Druckrey - allerdings viel bedeute, nun durch eben dieses Vorkommen zu Grabe getragen worden sei. Ab jetzt müsse es leider heißen: «No more Broodthaers!»

Das ist natürlich reine Koketterie, weil dieser Kanon ja schon längst wirkmächtig ist. Das ließe sich mit Blick in die einschlägigen Kunstmagazine schnell beweisen, von den Marktpreisen und der massiven institutionellen Repräsentation der von den vier Reitern gefeierten Kunst einmal ganz abgesehen, während noch so brillante Netzkünstler in der Welt der zeitgenössischen Kunst in der Tat vollkommen unbekannt geblieben sind.

Sind wir fertig?

Druckrey und Diederichsen saßen am Wochenende zusammen mit der Kuratorin Inke Arns und der einstigen Netzkünstlerin Olia Lialina, die jetzt den Status eines «Blog Artist» anstrebt, auf der Bühne der Akademie der Künste, um im Rahmen der Transmediale über «Media Art undone» zu sprechen. Die Frage, ob Medienkunst schon «done», also erledigt, oder gar schon wiederhergestellt worden sei, nämlich «undone», versprach Antworten darüber, was die Transmediale uns unter dem Titel «Unfinish!» in ihrem zwanzigsten Jahr eigentlich sagen will.

Dass das eine durchaus nötige Frage ist, wurde schon bei der Lektüre des Programms deutlich, in dem zum Erstaunen vieler Redebeiträge von Stelarc, Kittler, Kroker und ein Film über den Transhumanismus verzeichnet sind. Leute, die sich noch an die Neunziger erinnern können, kamen auf der Eröffnungsparty des Festivals daher nicht umhin, darüber zu spekulieren, ob der Titel des Festivals vielleicht nicht besser «Zurück in der Zukunft der Vergangenheit» gelautet hätte. Gestritten wurde konsequenterweise auch darüber, ob das nun einfach unbeholfen und skurril ist oder ob der scheidende Leiter Andreas Broeckmann vielmehr ganz bewusst und womöglich mit feiner Ironie einen Blick zurück werfen wollte.

Die Zukunft mitgestalten?

Zwei Tage später kritisierte Stefan Heidenreich in der «Taz» die Orientierungslosigkeit des Festivals, das seit Jahren leere Marketingfloskeln als Themen vorgebe. Sie zeige sich eben einmal mehr daran, dass «drei verdiente Männer der Mediengeschichte», nämlich Stelarc, Arthur Kroker und Friedrich Kittler, die Hauptreden hielten. Große kulturelle Kraft habe das Festival in all den Jahren nicht entwickelt, wirklich gut gelungen scheine bloß die feste Verankerung des offiziellen Leuchtturms im Subventionsbetrieb.

Schuld an der Misere seien aber letztendlich nicht die Organisatoren, sondern die Mängel deutscher Medientheorie und die bloß kritische Haltung von Netz- und Medienkunst, glaubt Heidenreich: Kurz gesagt gestalteten weder die Medientheorie, noch die Medienkunst die Zukunft des Netzes und der Kultur unter digitalen Bedingungen mit.

Es ist schon kurios, in einem Land, dessen führende Technologieunternehmen schon heftige Probleme mit einem Autobahnmautsystem haben, die Medientheorie dafür verantwortlich zu machen, dass deutsche Firmen im Netz abwesend sind und nur mäßige Erfolge am Kapitalmarkt haben, wie Heidenreich das formuliert.

Was hat das mit dem zu tun?

Trotz der heftigen Kritik scheint sich aber auch in seinem gleichzeitig höchst affirmativen Aufruf zur Mitgestaltung ein ominöses «Wir» als Adressat zu verstecken, das es nie gab, nicht gibt, und hoffentlich auch nie geben wird. Denn was haben Stelarc und irational.org, Jeffrey Shaw und Uebermorgen.com, die Bücher Friedrich Kittlers mit den alten Netzkritikmanifesten von Geert Lovink und Pit Schultz, «Wired» und «Nettime», net.art und interaktive CD-Roms von Peter Greenaway eigentlich gemein?

Das obszöne Geheimnis im Herzen des Zirkus der neuen Medien, das jeder kennt, aber keiner aussprechen mag, lautet natürlich schlicht und ergreifend: «Medienkunst» als theoretisch eindeutig abzugrenzendes Feld gibt es genausowenig, wie der immer schon fragwürdige Begriff der «Neuen Medien» noch nie irgendeinen Verweisgehalt auf die so komplexe wie zersplitterte Realität der Betriebssysteme, Netze, Mobiltelefone, Klingeltonimperien, MP-3-Universen, MySpaces, medialen Ich-AGs etc. gehabt hat.

Taktisch ja, praktisch nein?

Wenn also weiter um den heißen Brei der Medienkunst herumgeredet wird, dann aus taktischen und strategischen Gründen, wie Inke Arns, die den Dortmunder Hartware Medienkunstverein leitet, das dankenswerterweise recht deutlich auf dem Podium ausspricht. Hier geht es um Politik, um Fördermittel, um Karrieren, den Selbsterhaltungswillen von Institutionen und eben auch um die Anerkennung von theoretischer und künstlerischer Arbeit von Jahren. Das ist legitim, aber für alle, die nicht in und mit den entsprechenden Institutionen arbeiten, eher irrelevant.

Das alles ist Arns bewusst. Sie plädiert daher gewissermaßen für einen sanften Übertritt ins Feld der zeitgenössischen Kunst, ohne dabei die eigene Geschichte zu verraten. Ob man die von ihr als beispielhaft für eine zeitgenössische Medienkunst vorgestellten Künstler nun als Medienkünstler oder Konzeptkünstler begreifen will, ist dabei relativ unerheblich.

Sind wir noch allein im Netz?

Die Unterscheidung der Felder der zeitgenössischen Kunst und der «Medienkunst» erscheint also nur noch einer Konvention geschuldet, zumindest was die besseren Künstler aus dem Lager der «Medienkunst» betrifft: Ihre Arbeiten sind heute, nachdem die Tatsachen des Digitalen mit zehnjähriger Verspätung auch im Bewusstsein der Galerien- und Museumskunst angekommen sind, vollkommen mit diesem Betrieb kompatibel. Die Experten der zeitgenössischen Kunst waren 1995 schlicht zu uninformiert, um die Schönheit, Eleganz und Präzision von net.art zu erkennen.

Was einst als spekulatives Denken über und interventionistisches Handeln auf dem Feld neuer Kommunikationstechnologien also durchaus avantgardistischen Charakter hatte und daher auf Medienkunstfestivals ganz gut aufgehoben war, müsste sich heute aber offensiv mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es sich bei den digitalen Medien längst um Massenphänomene handelt.

Ist Luxus Alltag?

Unter dem Aspekt der Massenkultur gibt es einen nicht unwesentlichen Unterschied zwischen den Feldern von Medienkunst und zeitgenössischer Kunst festzuhalten, der nicht der Konvention, sondern einer Tradition geschuldet ist: Die wirklich guten Künstler aus dem Medienbereich sind an langjährigen Debatten über die sozialen und politischen Konsequenzen digitaler Kommunikationsmittel geschult.

Weil aber auch das auf dem Podium nicht diskutiert wird, meldet sich aus dem Publikum endlich Florian Cramer vom Rotterdamer Piet Zwart Institute zu Wort, der auf das kritische Verhältnis zum Copyright hinweist, das sich in weiten Teilen der Medienkunst herausgebildet hat, in der Kunstwelt aber ohne Belang ist.

Wenn Diederichsen daraufhin argumentiert, auch in Galerien würden heute unverkäufliche Installationen gezeigt, verkauft würden dann bloße Ideen oder Fetische, die einen materiellen Bezug zu diesen Arbeiten herstellen, dann geht das am Problem vorbei. Galerien handeln weiterhin mit Luxusgütern, ob materiell oder immateriell, und nicht mit Nutzungsrechten für alltägliche Anwendungen und der Aufmerksamkeit von Nutzern, die sich in Form von Werbeeinnahmen auszahlen. Eben darum geht es aber unter anderem in den Debatten um Copyright: die immateriellen Produkte des täglichen Gebrauchs.

Commons, welche Commons?

Das Verständnis, das die Netzkonzerne von Copyright haben, ist kurz gesagt das der Enteignung der Commons, aber auch von ganz persönlichen Äußerungen. So hat sich etwa Google erdreistet, die jahrelang im Usenet geleistete geistige Arbeit von Leuten aus aller Welt mit einem Federstrich zum geistigen Eigentum der Firma zu erklären, die partout nicht böse sein will: Schließlich hat man Usenet ja gekauft. Den meisten so genannten «Communities» des Web 2.0 ist dieses Verhältnis schon in die Fundamente eingeschrieben.

Eben darüber könnte man auch auf zukünftigen Festivals der digitalen Kultur wieder zu sprechen kommen, präzise und im Detail, auch gerne unter Berücksichtigung der letzten Trends auf den Kapitalmärkten. Arns verwies auf eben diese Tradition, etwa auf Daniel Garcia Andujars zehn Jahre alte, denkbar simple und doch auch als bloßer Index immer noch aufschlussreiche Arbeit «Remember, language is not freeTM», die aus einer Liste von Sätzen besteht, die Sie und ich öffentlich nicht sagen dürfen, ohne darauf zu verweisen, wem sie gehören: Where do you want to go today?