KÖRPERKÜNSTLER STELARC
Großer Lauschangriff
Von Helmut Merschmann
Hör sich einer das an: Der australische Künstler Stelarc experimentiert am eigenen Leib mit den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Jetzt hat er sich ein funktionstüchtiges Ohr an den Unterarm pflanzen lassen.
Ob er mit seinem dritten Ohr auch hören könne, wird Stelarc gefragt. Ja, es hatte funktioniert. Ein Mikrofon im Muschelgang war über Bluetooth-Funk mit einem Hörgerät verbunden. Wegen einer Infektion musste es jedoch wieder entfernt werden. Jetzt sitzt das Ohr ein wenig deplaziert am inneren linken Unterarm des Künstlers und glänzt matt vor sich hin. Wie ein Requisit aus Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Oder ein Silikon-Spezialeffekt aus einer Klingonen-Oper.
Ursprünglich wollte der australische Künstler die Hörmuschel im Gesicht gleich vor seinem rechten Ohr anbringen lassen. Ärzte rieten ihm davon ab. Das Ohr würde beim Kauen zu stark strapaziert. Die weiche Haut am Unterarm sei ebenso gut geeignet. Die dezente Platzierung dürfte außerdem für weniger Aufsehen auf dem Flughafen sorgen und den weit gereisten Künstler vor manch lästiger Befragung schützen.
Zehn Jahre hatte es gedauert, bis Stelarc ein australisches Operationsteam gefunden hatte und seine Idee im letzten Jahr verwirklichen ließ. Bereits 2003 hatten die ersten Zuchtexperimente mit menschlichen Spenderzellen begonnen, aus denen ein Ohrknorpel geformt wurde. Nach zahlreichen Fehlschlägen durften schließlich zwei Modelle die Reise von Perth nach Melbourne antreten. Das eine mit einem medizinischen Transport, das andere aus Kostengründen "bei Körpertemperatur in der Unterhose", wie Stelarc bei seinem Multimedia-Vortrag auf dem Berliner Medienkunstfestival Transmediale vergnügt erzählt.
Ein in seinem Unterarm implantierter Ballon sorgte dafür, dass sich die Haut genügend dehnte, so dass ein Transplantat darunter Platz fand. Während einer zweieinhalbstündigen Operation pflanzten schließlich drei Ärzte das Hörorgan ein. Sorgfältig wurde alles auf Video aufgezeichnet. Die Kunstaktion ist Stelarcs erstes Experiment mit einer dauerhaften Prothese aus Fleisch und Blut.
Grenzen des Körpers überwinden
Seit dreißig Jahren experimentiert Stelios Arcadiou, so Stelarcs bürgerlicher Name, mit dem eigenen Körper. Die Physis ist für ihn Rohmaterial, das nach Belieben verändert, erweitert, umgebaut werden kann. Je nach dem, was die Technik gerade hergibt. "Der Körper ist eine evolutionäre Architektur", erklärt der Künstler, "und er ist veränderbar". Stelarc träumt von einer "Konstruktion des Körpers ohne die Metaphysik des Bewusstseins". Von einem Körper ohne Geist, einer Körpermaschine ohne Subjektivität. Schmerz ist für ihn lediglich eine "kulturspezifische Erfahrung" und ein "frühes Alarmsystem, das anzeigt, dass der Körper verletzt wird".
Schon in den siebziger und achtziger Jahren lässt sich der Künstler an Haken, die er sich durch die Haut an Armen, Rücken und Beinen bohrt, Meter hoch in die Luft ziehen. Seine Muskelsignale werden dabei elektroakustisch zu einer Soundcollage verstärkt. Per Endoskop und Expander erkundet er in der Performance "Stomach Sculpture" den eigenen Magen und Darm. Die Aktion "Extended Arm" beschreibt den Kontrollverlust über den eigenen Körper: Über das Internet verbundene Teilnehmer in Paris und Helsinki können Stelarcs elektrisch verdrahtete Armmuskulatur sowie eine Armprothese in Luxemburg "aktivieren", will heißen: fernsteuern. Seine jüngste Installation "Walking Head" aus dem Jahr 2006 stellt ein autonomes Robotsystem dar, das mit Museumsgästen interagiert.
Kunst und Neurowissenschaften
Wo immer die Grenzen des Körpers überwunden, die von der Natur scheinbar vorgegebenen Trennlinien zwischen Körper und Umwelt eingerissen werden können, ist Stelarc dabei. Seine Aktionen statten den Körper mit Prothesen aus, die dessen Funktionen verbessern, ergänzen oder außer Kraft setzen. Als Philosoph führt er so Natur und Biologie als Konstruktion vor, die von Technologie bestimmt wird, nicht von Metaphysik. Als Naturwissenschaftler zeigt er sich an den neuesten Innovationen aus Neurologie und Technik interessiert, die er für seine spektakulären Kunstaktionen nutzt.
Und vielleicht brauchen die Neurowissenschaften einen Stelarc eher als die Künste. Jemand muss ihnen schließlich vorführen, wozu sie in der Lage sind.
Der Multimedia-Vortrag von Stelarc wird am 9. Februar auf dem Wolfsburger Festival Phaenomenale wiederholt.