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Feuilleton
Was der Arm hören könnte
VON ELKE BUHR
Stelarc (Jonathan Gröger/transmediale)
Es gibt Bewegungen, die haben einen solchen Erfolg, dass sie sich selbst überflüssig machen. Die Medienkunst ist eine heiße Kandidatin für dieses Schicksal. Dass Künstler und Kunstrichtungen sich technischer Medien bedienen, sei es Film, Video oder Computer, ist heutzutage so normal, dass es allein nicht mehr als "message" durchgehen kann. So hatte das Medienkunst-Festival Transmediale, das gerade in Berlin zu Ende gegangen ist, Grund für Orientierungsarbeit. Gegründet wurde das Festival, damals noch als Videofilmfestival alternativ zur Berlinale, vor genau zwanzig Jahren, aus der Sicht der Medienkunst gesehen im Steinzeitalter also, als man noch mit klobigen Videokameras unscharfe Flackerfilme drehte und Computer für zu Hause auf den Namen Atari hörten. Dann wurde es Festival für Medienkunst, und in diesem Jahr lautete der Untertitel plötzlich "Festival for art and digital culture": Klammheimlich war er verschwunden, der schwierige Begriff."Media Art Undone" war denn auch der Titel eines Panels, bei dem man gegen Ende der fünf Festivaltage im alten Sitz der Akademie der Künste im Berliner Westen eine Positionsbestimmung versuchte. Ob man Kunst als "Media Art" oder "Gallery Art" einsortiere, liege mittlerweile überhaupt nicht mehr an der Kunst selbst: Alles könne überall gezeigt werden, nur die Kultur drumherum mache noch den Unterschied, meinte hier Diedrich Diederichsen, der sich selbst als "Beobachter von Außen" bezeichnete.Und Inke Arms vom Dortmunder Hartware MedienKunstVerein wagte die ketzerische These, man solle an dem Begriff der Medienkunst allein noch aus strategischen Gründen festhalten, um die Interessen der Szene besser zu vertreten, die sich immer noch im Mainstream des Kunstbetriebs nicht ernst genommen fühlt. Inhaltlich aber habe sich die Medienkunst längst von dem Gebrauch der neuen Technologien emanzipiert und reflektiere stattdessen, wie die Welt um uns herum sich wegen dieser neuen Technologien ändert. So ist, Arms zu Folge, eine aufmerksame, kritische Zeitgenossenschaft heute das Kennzeichen dessen, was unter dem Begriff der Medienkunst geschieht.
Annähernd bedeutungslos
Zeitgenossenschaft allerdings, so kann man einwenden, müsste doch ein Anliegen aller Kunst, ja, aller kultureller Produktion sein. Und zumindest angesichts des Wettbewerbs der Transmediale wurde man den Eindruck nicht los, dass die (ehemalige?) Medienkunst keineswegs spannendere Kommentare zur Gegenwart hervorbringt als andere Kunstrichtungen. So gewann der Belgier Herman Asselberghs den ersten Preis mit einem reichlich verkopften Stück: Proof of Life ist ein "Hörfilm", in dem zu Bildern einer leeren Bibliothek, die Kontemplation ermöglichen sollen, ein Essay gesprochen wird, der anlässlich der Entführung der französischen Journalistin Florence Aubenas im Irak über Katastrophen und ihre Bilder reflektiert. Die Differenz zwischen den annähernd bedeutungslosen Bildern und denen, die der Text evoziert, wirkt hier zu didaktisch, als dass die Arbeit großen Eindruck hinterlassen könnte.Den zweiten Preis teilte sich der Brite Tim Shore mit seinem ruhigen, Film Cabinet, der Landschaftsbilder aus Montana mit Anspielungen auf den so genannten Unabomber Theodore Kaczynski auflädt, und der Franzose Antoine Schmitt, der in seiner Installation Still Living Statistiken in Form von Balken- und Tortendiagrammen zum Flackern und Zucken bringt: Letzteres ist eine nette, ironische Pointe auf die Statistikgläubigkeit unserer Zeit, mehr aber auch nicht.Da erschien die Parodie auf die digitale Ästhetik, die Aram Bartholl in der kleinen Transmediale-Ausstellung präsentierte, fast noch witziger: Sein Random Screen sieht von vorne aus wie ein minimalistischer Bildschirm, auf denen die quadratischen Pixel flackern. Von hinten aber enthüllt das Werk seine analoge Wahrheit: Das flackernde Licht kommt von Teelichtern, die sich in durchlöcherten Bierdosen drehen.Auch wenn also nicht alles High-Tech war, was flackerte: Das Publikum kam zu dieser Transmediale wieder in Scharen, vor allem, wenn sich ein Übervater der Medienkunst wie Stelarc ankündigte. Ruhig und mit plötzlichen bizarren Lachern garniert, präsentierte der Australier in Film und Ton sein Lebenswerk, in dem er die technische Erweiterung und Manipulation seines Körpers ausgelotet hat wie kein anderer: von frühen Performances, als er sich Haken durch die Haut bohrte und sich daran aufhängen ließ, über seine Versuche mit einer elektrischen dritten Hand oder der Fernsteuerung von Muskeln über Elektroschocks bis hin zu seinem neuesten Projekt, der künstlichen Nachformung seines Ohres, die er sich in den Unterarm einpflanzen ließ.
Um zu erfahren, wie sich das anfühlt
Wie ein Relief trägt er nun diese Ohr-Form in seiner Haut - geplant ist, dazu ein Mikrophon einzupflanzen, mit dessen Hilfe er das, was dieses Ohr hören könnte, per Bluetooth-Technologie ins Internet senden kann. Dazu soll noch ein Empfänger zwischen den Zähnen kommen, und so will der Prothesenkünstler Stelarc sich selbst zur potenziellen Prothese eines anderen machen, der über ihn hören und aus ihm sprechen können soll. Warum? Um sich dem auszuliefern, was technisch geht. Um zu erfahren, wie sich das anfühlt. Das Medium als Botschaft der Kunst: Für Stelarc reicht das noch, und gerade deshalb wurde er bei der Transmediale 07 als Klassiker gefeiert.