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Jan 27, 2007
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Berliner Zeitung: Wer hat schon ein Daxofon
Am Donnerstagabend hat in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz das Konzertprogramm des diesjährigen Club Transmediale begonnen; zur Eröffnung blies ein Franzose mit einer Trompete in ein Wasserglas. Durch einen Strohhalm wurde der Trompetenwind direkt in das Wasser geleitet, die dabei entstehenden Blubbergeräusche wurden von einem Mikrofon aufgenommen, elektrisch verstärkt und als Leitstimme über das rhythmische Rumpeln einer aus einem Märklin-Metallbaukasten erschaffenen mechanischen Apparatur gelegt. Räder mit je nach Bedarf ein- und ausgezogenen Zähnen schlugen hierin rhythmisch gegen Blechzungen; eiserne Walzen mit mächtigen Noppen drehten sich über einer Klaviertastatur, wodurch sich kleine Melodiefragmente unermüdlich wiederholten; ein Plattenarm fiel rhythmisch auf eine knisternde Single herunter und wurde wieder in die Höhe geruckt.
Bei Pierre Bastien kann man lernen, wie echter Retro-Futurismus aussieht: Die Faszination der Popmusik mit Schleifen und Schlaufen, die aus der Digitalisierung ihrer Produktionsmittel entstand, wird von Bastien in die elementare Mechanik des Dampfmaschinenzeitalters rückübersetzt und in die fast schon untergegangene Jungens-Bastel-Welt der Meccano- und Märklin-Metallbaukästen - und gerät damit zugleich in Kontakt mit der Tradition mechanischer Musikinstrumente, von Walzenklavieren und Leierkästen. Beim Konzert kauerte Bastien als Hobbybastler vor seiner Apparatur, tauschte Walzen aus und manipulierte Noppen. Gelegentlich spielte er zu den Loops auch etwas auf seiner Trompete oder auf einem Daxofon, jenem von dem berühmten Wuppertaler Instrumentenbauer Hans "Dean of Daxofon" Reichel ersonnenen Instrument, das aus einem mit einem Violinbogen bestrichenen Holzstück besteht und zwischen dem Klang einer singenden Säge und eines guten Orgasmus zahlreiche Variationsmöglichkeiten bietet.
Das war ein schönes Konzert! Allerdings war es auch schon das schönste an diesem Abend. Es folgte zunächst die in Suffolk lebende Elektronikerin Mira Calix, die mit ihrem spannungslosen Post-Industrial-Krach das Volksbühnenpublikum vor ein paar Jahren schon im Vorprogramm eines Faust-Konzertes fast einmal totgelangweilt hätte; und schließlich die als Headliner gehandelten Sun City Girls aus Seattle. Seit 25 Jahren verbindet das Trio aus den Gebrüdern Alan und Rick Bishop (Bass + Gitarre) und dem Schlagzeuger Charlie Gocher den Spontigeist der alten Beatnik-Kultur mit Post-Punk und - neuerdings - den Freakout-Improvisationen von Animal Collective oder Sunburned Hand of the Man, als deren Urahnen sie gern gefeiert werden. Interessant sind die Sun City Girls, weil sie stets programmatisch aus dem Käfig der westlichen Popmusik auszubrechen versuchten; sie haben mit indonesischen Gamelan-Spielern, marokkanischen Oud-Virtuosen und japanischen Kabuki-Schauspielern gearbeitet und auf ihren besten Platten, etwa dem 1990er Werk "Torch of the Mystics", eine Art kulturübergreifender Voodoo-Musik entworfen.
Großen Wert legen die drei Musiker dabei darauf, dass sie bei jedem Konzert anders klingen. Diesmal klangen sie, soviel kann man sagen, schlicht scheiße: ein harmonisch wie klanglich wie in den Strukturen des Zusammenspiels rundum belangloser Selbstfindungsgruppenkrach mit gelegentlichen Surf-Soli, der immer wieder in redundantes Rumgeklöppel auf Gitarrenkorpora und Stehtrommeln regredierte oder - schlimmer noch - in alberne Theater-Einlagen, in denen zur Überwindung von Grenzen aufgerufen wurde. Wenigstens am Donnerstag schien die Begeisterung, mit der diese Band als weltmusikalische Perspektivierung des - beim Club Transmediale völlig zu Recht im Vordergrund stehenden - "freien" Musizierens gefeiert wird, doch weniger aus ihren realen Qualitäten zu rühren als aus der Erkenntnis eigener Defizite und dem Gefühl, dass man selber auch mal ein bisschen mehr rumkommen sollte.
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