Schicksal Bauhaus
Der Kanadier Stephen Kovats wird Leiter der Transmediale
Die Wiedervereinigung wurde zum Schicksalsereignis für Stephen Kovats. Er war gerade 25 und hatte sein Architekturstudium in Kanada beendet, als er am 3. Oktober morgens auf dem Berliner Flughafen landete. Eigentlich wollte er nur ein paar Monate in Deutschland blieben, doch dann wurden zehn Jahre daraus. Ein knappes Jahr zuvor, nur wenige Tage nach dem Fall der Mauer, war er für seine Diplomarbeit in Dessau gewesen und hatte sich das Bauhaus angeschaut, jenen mythischen Ort für jeden Architekten der Moderne.
Dort überrollten ihn dann die historischen Ereignisse. Nächtelang diskutierte Kovats mit Architekten, Planern und Anwohnern in Dessau, was nun mit der geschundenen Stadt geschehen könne. "Damals herrschte die Stimmung: Wir müssen jetzt den Stier bei den Hörnern packen und die Chancen des historischen Umbruchs nutzen." Und siehe da - einige Monate später kam tatsächlich die Einladung, in Dessau ein Seminar mit Architekturstudenten aus aller Welt abzuhalten. Geld gab es kaum und die Professoren am Bauhaus waren sehr skeptisch. Als intensiv erwies sich dafür der Kontakt mit Bürgern und Politikern. 1991 begann das "Experimental Studio Dessau North", die Sprache war Englisch, mit dabei Studenten aus Sibirien und Kanada.
Kovats hatte bis dahin noch nie ein eigenes Gebäude errichtet, und er tat es auch bis heute nicht. Er versteht seine Architektenschaft nicht wie ein klassischer Baumeister, sondern als universelle, interdisziplinäre Daseinsform. Dazu gehörten für ihn von Beginn an auch "mediale Räume", wie er es nennt. Er setzte sich intensiv mit Fotografie und Video auseinander; das spielte dann auch bei seinen Planungsprojekten eine zentrale Rolle. Er gründete ein Videofestival in Dessau mit, später EMI, das Studio für elektronische Medieninterpretation und leitete von 1993 bis 1999 "Ostranenie", ein Forum für Medienkunst aus Mitte- und Osteuropa. So wurde aus einem kanadischen Architekt ein Protagonist der deutschen Medienkultur.
Jetzt ist Kovats wieder in Berlin; und auch diesmal wird er länger bleiben: Gestern wurde er als neuer künstlerischer Leiter der Transmediale vorgestellt, die noch bis Sonntag die Akademie der Künste am Tiergarten aufleben lässt. Kovats kommt aus Rotterdam, wo er bislang als Chefkurator am V2-Institut für instabile Medien arbeitete. Ob Zufall oder nicht: Von dort kam auch Andreas Broeckmann, als er vor sieben Jahren die Transmediale übernahm. Jetzt geht Broeckmann aus freien Stücken und hinterlässt seinem Nachfolger ein wohlbestelltes Haus. Bis 2009 ist die Finanzierung durch die Bundeskulturstiftung gesichert, in der Akademie gibt es ein kongeniales Gehäuse und der Rang der Transmediale als wichtigstem Medienkunstfestival Deutschlands ist unbestritten.
Nach wie vor fasziniere ihn die geopolitische Situation von Berlin, dieser "hybriden Stadt", freut sich Kovats auf seine neue Wirkungsstätte. Er schätzt die Errungenschaften seines Vorgängers, vor allem die deutliche Steigerung der künstlerischen Qualität, und will gewiss nicht alles neu erfinden. Am Herzen liegt ihm, "das Diskursive mit dem Künstlerischen zu verbinden." Was er damit meint, werden wir in genau einem Jahr sehen. (sep.)
Berliner Zeitung, 03.02.2007