Vom vollendeten Kunstwerk träumt hier keiner Unter dem Motto "Unfinish!" begann die Transmediale
Sebastian Preuss
Berlin sei ganz schön spät drangewesen. Der das sagte, kann es sich erlauben, denn Wulf Herzogenrath hatte schon in den Siebzigern den Kölnischen Kunstverein zu einer Pionierstation der Videokunst gemacht. In West-Berlin wurde dann erst 1988 das VideoFilmFest gegründet; damals noch als Teil des Berlinale-Forums. Doch kam Herzogenrath nicht, um zu kritisieren, sondern um den Aufstieg des Festivals in die erste Reihe der internationalen Medienkunstereignisse zu würdigen. Die Transmediale, so heißt das Festival seit 1998, ist längst über jeden Zweifel erhaben: als vitales Experimentallabor.
Seit gestern läuft die 20. Ausgabe, was Anlass bietet, auch ein wenig Rückschau zu halten. So wurde im Obergeschoss der guten alten Akademie der Künste, die auch diesmal wieder wie eine prallvolle Arche die digitale Community aufnimmt, eine "Projektbibliothek" aufgebaut. Historische Video- und Medienkunstsammlungen sind hier verfügbar, und jeder kann sich als sein eigener Kurator betätigen. Leider sind dafür die Stationen aufgegeben, in denen in den vergangenen Jahren die Beiträge des Film- und Videoprogramms liefen, so dass jeder das nachholen konnte, was er versäumt hatte. Dass man nun die Qual der Wahl hat und sich über 800 eingesandte Beiträge für den Award selbst einlegen darf, ist kein rechter Ersatz. In der Qual einer solchen Wahl kapituliert man bald.
Drei eigene Vorführungen gibt es aus dem Archiv des Video-Magazins Interfermental, das der ungarische Filmemacher Gabor Bódy 1980 gegründet hatte und das bis 1990 in elf Ausgaben Hunderte von Werken der neuen Gattung versammelte. Den Schwierigkeiten, die neuen Medien zu archivieren, aufzuarbeiten und benutzbar zu machen, war gestern bereits eine eigene Podiumsdiskussion gewidmet. Dass Medienkunst nicht immer nur Westkunst war, daran erinnert lobenswerterweise am Sonnabend eine Satellitenveranstaltung in der Akademie am Pariser Platz. Endlich werden die experimentellen Super-8-Filme der DDR-Boheme auch einmal im Kontext eines solchen Festivals gezeigt. Gattungsübergreifendes Crossover war hier schon in den Siebzigern und Achtzigern an der Tagesordnung, wie die Malerfilme von Lutz Dammbeck, Helge Leiberg, Cornelia Schleime, A.R. Penck oder Jürgen Böttcher demonstrieren können.
Einen zufriedenen Rückblick kann auch Andreas Broeckmann, der Leiter der Transmediale, wagen. Nach sieben Festivals, denen er mit griffigen Leitthemen, der quirligen Einbeziehung des Berliner Publikums und mit einem gehörigem Schuss Szene-Glamour erfolgreich einen neuen Stempel aufdrückte, tritt er nun aus freien Stücken ab. Der bislang erfolgreich geheimgehaltene Nachfolger wird am Freitag vorgestellt. Diese Art der kreativen Fluktuation empfahl Broeckmann bei der Eröffnung zur Nachahmung. Das halte die Kulturwelt auf Trab. Da habe er ja Glück, dass er erst seit einem Jahr im Amt sei, witzelte Kulturstaatsminister Bernd Neumann. "Ich könnte ja noch etwas vor mir haben", sagte er und spielte auf die ersehnte Verlängerung der "Leuchtturmförderung", mit der die Bundeskulturstiftung die Transmediale 2005 für zunächst fünf Jahre aus ihrem notorischem Überlebenskampf erlöste. Das Festival sei zu einem "Erfolgsmodell" geworden, lobte der Minister, auch wenn man seiner steifen Rede anmerkte, dass dies nicht seine Welt ist.
"Unfinish!" lautet das Motto, das Broeckmann für seine letzte Transmediale wählte. In der digitalen und medialen Kunst ist der Traum vom perfekten Artefakt längst in Frage gestellt. Der australische Performer Stelarc, der heute Abend vorführt, wie er unablässig an seinem eigenen Körper manipuliert und sich dadurch immer wieder neu erfindet, ist da nur einer unter vielen. In einem zweiten programmatischen Vortrag will der Theoretiker Arthur Kroker dem Fortschrittsglauben der Cyber-Kultur apokalyptische Leviten lesen. Und "unfinish" im höchsten Maße ist auch die Medienlandschaft im Irak. Darüber haben morgen unabhängige Journalisten aus Bagdad einiges zu berichten.
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 4. Februar, meist 12-22 Uhr.
Das gesamte Programm unter
www.transmediale.de
Berliner Zeitung, 01.02.2007