Tanz mit dem Sensor
Botschaften aus der elektronischen Höhle: Zur Transmediale öffnet das Experimentallabor Tesla im ehemaligen Podewil die Studios seiner Gastkünstler
Sebastian Preuss
Das Tesla gehört zu den stillen Kulturorten der Stadt, die es aber in sich haben. Was dieser Tage die Transmediale so brummen und summen lässt, findet hier in gelassener Atmosphäre kontinuierlich das ganze Jahr hindurch statt. Es ist eine ständige Bühne, ein Experimentallabor für die medialen Künste, Treffpunkt einer eingeschworenen Community, aber ebenso ein offenes Forum für alles, was sich im Schnittpunkt zwischen digitalem Bild, Sound und körperlichem Agieren so tummelt.
Vor zweieinhalb Jahren erhielten der Klangkunst-Spezialist Carsten Seiffarth, der Theatermann Detlev Schneider und der Transmediale-Leiter Andreas Broeckmann den Zuschlag, das Kulturprogramm des abgewickelten Podewil auf ihre Weise fortzuführen. Für jährlich nur 300 000 Euro - zum Vergleich: die Transmediale erhält 450 000 Euro von der Bundeskulturstiftung - bespielen sie kontinuierlich den Aufführungssaal "Kubus", einen Club, eine Videogalerie im Foyer, sieben Gastateliers und andere Räume im nunmehr Podewils'schen Palais genannten Haus, dem alten Podewil.
Hausherr in der Klosterstraße ist nach wie vor die landeseigene Kulturdienstleistungsfirma, die jetzt Berliner Kulturprojekte heißt, der Transmediale ein organisatorisches Dach gibt und unlängst auch den Museumspädagogischen Dienst geschluckt hat. Bis Dezember ist die Senatsförderung des Tesla noch gesichert, dann wird über eine zweijährige Verlängerung entschieden. Da ist es sinnvoll, gerade während des großen Festivals, auf sich aufmerksam zu machen. So zeigt das Tesla parallel zur Transmediale, der es ja schon durch Broeckmann eng verbunden ist, in "Open-Studio-Days", was hier vor sich geht und was in den vergangenen Monaten in den Ateliers entstand.
Gastresidenzen bilden das Rückgrat der Kunststätte. Fast die Hälfte ihres Etats verwenden Seiffarth, Schneider und Broeckmann für die Einladung von Künstlern, die ein Monatssalär von 1 000 Euro und einen Raum in der Klosterstraße erhalten. Sieben Studios sind auf diese Weise immer besetzt, die Residenten bleiben einen bis sechs Monate. Die zwei Gäste in den Erdgeschoss-Studios müssen ihre Türen immer offen halten und allzeit darauf eingestellt sein, über ihre Arbeit Rede und Antwort zu stehen. Obwohl das Tesla eher eine Oase der Stille ist, nehmen doch im Schnitt zehn Besucher am Tag das Angebot einer solch unmittelbaren Kunstvermittlung an.
Welcher Geist hier herrscht, das ist jetzt während der "Open-Studio-Days" konzentriert zu erleben, zumal derzeit sogar zehn Tüftler, Bastler und Frickler zu Gast und am Werk sind. Die ästhetisch spektakulärste Arbeit hat die Japanerin Seiko Mikami in wochenlanger Kleinarbeit aufgebaut. "Desire of Codes" heißt die interaktive Installation. Hunderte von Sensoren, kleinen Überwachungskameras und Lichtspots, die in ihrer bloßen Montierung an der Wand schon für sich einen äußerst eleganten ästhetischen Effekt erzielen, verfolgen den Besucher im dunklen Raum. Die Knackgeräusche der Technik, an denen Mikami mit Bedacht nichts verändert hat, untermalen die entrückte Stimmung wie eine raffinierte elektronische Musik.
Jost Muxfeldt hat während seines Tesla-Aufenthalts ein raffiniertes Klang-Bild-Erlebnis entwickelt, das er jetzt erstmals vorstellt. Bohrende, klickende, sirrende Sounds schwirren durch die Luft und bilden parallel auf einer Projektion grafische Elemente. Ob Huhn oder Ei zuerst da waren, ob also der Klang visualisiert oder die rasenden Diagramme vertont sind, das spielt keine Rolle - es ist ein ganzheitliches Kunstwerk, das die beiden Sinne gleichermaßen anspricht. Man muss die Erläuterungen des sympathischen Dänen über Amplitudenmodulation, Sinuswellen, Kinematik oder binäre Strukturen nicht unbedingt verstehen, um das Werk zu genießen.
Anders ist es bei der Münchnerin Valentina Vuksic. In ihrer Diplomarbeit aus dem Zürcher Studiengang Neue Medien hat sie Pirandellos Theaterstück "Sechs Personen" als Module in Computerprogramme eingespeist. Mehrere Rechner stehen sich jetzt wie auf einer Bühne gegenüber, knacken und rattern vor sich hin und lösen "Antworten" und Reaktionen der anderen Computer aus. Ein "Gespräch" der Apparate entsteht. Wie Mikami nutzt Vuksic die gängigen Geräusche der Geräte und verstärkt sie. Es sei interessant, wie unterschiedlich die Rechner bei gleicher Hardware und Programmierung doch klingen, erklärt die 32-Jährige. Selbst Computer sind mit ihren Millionen von Schnittstellen individuelle Wesen.
Auch Jeff Mann experimentiert derzeit mit dem Sound von Druckermotoren und Computerlüftern. "Man lässt diese Geräusche sonst immer über sich ergehen und denkt gar nicht darüber nach, was hier eigentlich passiert", sagt er, während er die ausgebauten Teile vorführt, die er mit primitiver Technik zum Klingen bringt. Bekannt wurde der Kanadier mit Readymades, die er aus Haushaltsgeräten bastelte und dann mit Kabeln und USB-Steckern versah. Auf diese Weise organisierte er zwei simultan stattfindende Picknicks, bei denen die ohnehin schon absurden Accessoires durch ihre programmierte Verknüpfung per Internet auf einmal ein fröhliches Treiben beginnen. Gerne wird Mann die Aufnahmen davon auf seinem Bildschirm zeigen. So geht es in jedem der zehn Studios zu und auch in dem Raum, in dem der freie Internet-Kultursender radioeinszueins zu Hause ist.
Bei all den Gesprächen und Demonstrationen vergeht die Zeit wie im Flug, und am Ende hat man viel darüber gelernt, was junge Medienkünstler von heute umtreibt. Fast traditionell mutet dagegen Chris Salters Performance "Schwelle" an, auch diese während eines Tesla-Aufenthaltes erarbeitet. Der "Kubus" wird zur schwarzen Höhle, elektronische Klänge schwellen auf und ab. Langsam löst sich der amerikanische Tänzer Michael Schumacher, der lange beim Forsythe-Ballett in Frankfurt tätig war, aus dem Dunkel. Mit Sensoren am Körper verbindet er Sound, Licht und Mensch zu einem komplexen Ganzen. Am Ende wird der Zuschauer selbst Teil dieser digital-körperlichen Erlebniswelt.
Dass wie so oft bei konzeptuellen Performances ein unvermeidlicher Tisch und die noch unvermeidlicheren Stühle eine Rolle spielen, vergisst man am besten ebenso schnell wie Schumachers banal eingeworfenen Sätze oder das symbolbeladene Zerreißen von Papier. Das mindert aber nicht die Freude an diesem anregenden Besuch. Ähnliche Aufführungen gibt es jeden Freitag und Samstag Abend. Nikola Tesla, der legendäre Erfinder und Künstlerfreund, nach dem das Medienlabor benannt ist, hätte jedenfalls seine Freude an der Atmosphäre der offenen Studios.
Tesla im Podewils'schen Palais, Klosterstraße 68. Offene Studios noch am 3. Februar, 18-23 Uhr. Performance von Chris Salter um 20.30 Uhr.
Berliner Zeitung, 03.02.2007