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Bereits lange bevor das ARPANET, der Vorläufer des heutigen Internets, von einer militärisch-akademischen Forschungsgruppe in den 60-ger Jahren im geheimen Auftrag der US-Luftwaffe entwickelt wurde, haben spekulative Mechanismen und Verschwörungstheorien weltweite Ereignisse beeinflusst und voran getrieben. Ebenso wie unsere Sehnsucht nach dem Begehren, dem Geheimnis und dem unvorhersehbaren Zufall ist das Verlangen nach Konspiration offenbar eine Kondition menschlichen Zusammenlebens, eine Art und Weise, eine stets komplexer werdende Welt chaotischer und manipulierter Desinformation zu entschlüsseln und zu verstehen. Das Internet hat mit dem ‚Web 2.0’ längst begonnen, sich über den benutzergesteuerten Informationsaustausch hinaus zu einer Plattform zu entwickeln, über die zunehmend auch alle möglichen populären Gerüchte und Spekulationen angefacht und verbreitet werden. Diese stehen beispielhaft für einen Kontrollverlust und das wachsende Gefühl eines Ausgeliefertseins an vermutete versteckte Mächte und Geheimbünde, aus dem heraus Mythen von Weltherrschaft, gesellschaftliche Überwachung und eine auch von staatlicher Seite aus beförderte Kultur der Angst entstehen. Die Konferenz wird untersuchen, wie wir zeitgenössische Netzwerke digitaler als auch zwischenmenschlicher Art benutzen und verstehen; sie wird Ideen diskutieren, die hinter konspirativen Akten, Strukturen und Spekulationen stehen, und die darin enthaltenen Mechanismen als neue Formen kultureller, technologischer oder politischer Strategien in Betracht ziehen.

Mittwoch 30.1.
14:00

Session 1: The Chilean Network Experiment: From Poetics To Systemics

 
Respondent: Alejandra Perez Nuñez [cl]

Betrachtet man die Entstehung zeitgenössischer Kommunikationsstrukturen, stellt sich Cybersyn, das ‚Chilenische Netzwerk Experiment’ als ein Spiel mit technischen Systemen und der Poetik des chilenischen Wegs zum Sozialismus dar. Die Beziehungen zwischen Technologie, Politik und Kultur in der Konstruktion des Cybersyn reflektierten die Geschichte des sozialistischen Wandels im Chile der frühen 70er Jahre und unterschieden sich stark von den Ursprüngen des ARPANETS, dem Vorgänger des heutigen Internets. Das U.S. Verteidigungsministerium versuchte während des Kalten Krieges mit dem ARPANET ein dezentrales Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Im Cybersyn dagegen erleben wir das Zusammentreffen von Kulturen und Systemen in einer politisch prekären Zeit. Seine Gestaltung enthielt einige der ethischen, kulturellen und partizipatorischen Überlegungen, die das sozialistische Experiment Chiles charakterisierten. Am 11. September 1973 gerieten diese zwei diametral entgegengesetzten Netzwerk-Philosophien miteinander in Konflikt ...

Die Konferenz findet im Auditorium statt.
 
18:30

Keynote event: Lecture Timothy Druckrey: The ‘Real’ Conspiracy

 
Introduction: Andreas Broeckmann [de]
Featuring: Timothy Druckrey [us]

Mit Turings Maschinen, die die Welt denken; mit Lacans Sprache, die das Reale denkt; mit Roland Barthes Semiotik, die die Welt bedeutet; mit dem Image des optischen Apparatus, welches das Reale bezeugt; mit den Grammophonen als Klangtechniken des Realen, und nicht zuletzt mit den Bildern des Computers, die das Reale simulieren, erweist sich die Repräsentation mit und durch die Apparati als Obsession und Erbe der Moderne schlechthin, gelagert zwischen Illusion und Alibi. Bereits Zizek weist darauf hin, dass es nicht länger auf eine Unterscheidung zwischen Realität und Simulation ankommt, sondern darauf, das Reale in der Illusion selbst zu betrachten. Der Vortrag untersucht verschiedene Realitätsvorstellungen als tragisches Herzstück einer Kultur, die von einer hoffnungslosen Illusion berauscht ist.

Die Veranstaltung findet im Auditorium statt.
Donnerstag 31.1.
13:00

Session 2: Embedding Fear: The Internet And The Spectacle Of Heightened Alert

 
Respondent: Thorsten Schilling [de]

Der offene Charakter des Internets macht es nicht nur zum weltweit mächtigsten Werkzeug zur Erzeugung konspirativer Narrative, sondern befördert zugleich die Kreation der wohl größten internationalen Plattform für die Entwicklung und Verbreitung politischer, militärischer und unternehmerischer Propaganda. Jedes Individuum, jede Gruppe mit Zugang zum Netz – ob mit offizieller Legitimation, im Verborgenen oder mit betrügerischen Absichten agierend – kann mit jeder beliebigen realen oder fiktiven Aktion an die Öffentlichkeit treten. In Zeiten allgegenwärtigen Sicherheitsdenkens, einer Ökonomie der Angst und scheinbar ständig drohender terroristischer Attentate stellt sich die Frage nach der Rolle des Internets bei der Legitimation von derartigen gefühlten Bedrohungen. Welche Gefahren entstehen für Kultur und Identität, wenn die Freiheit von Zugang und Kommunikation in Konflikt mit einem unscharf definierten, doch allgegenwärtigen und zu großen Teilen online ausgefochtenen ‚war of terror’ gerät?

Die Konferenz findet im Auditorium statt.
 
18:00

Keynote event: Prof. Dr. Otto E. Rossler: Das Paradoxon des Knalls: Die Abnahme der Angst durch die Erhöhung der Gefahr

 
Einführung: Julian Oliver [nz]
Featuring: Prof. Dr. Otto E. Rossler [de]

Schwarze Löcher sind in ihrer ambivalenten Existenz zwischen physikalischem Paradox und mythischem Tiefenraum ein Thema mit ungebrochen großer Faszination, das zu verschiedensten Spekulationen einlädt. Ob sie ein Netz von Gravitationsfeldern bilden, das die Sonnensysteme zusammenhält, ob es Wurmlöcher sind mit einem Zugang zu einer anderen Dimension oder ob Schwarze Löcher riesige Materieverdichtungs- und Vernichtungsaggregate sind, bleibt nach wie vor unbeantwortet. Prof. Dr. Otto E. Rossler wird anlässlich eines der größten Experimente in der Geschichte der Menschheit - die Erzeugung kleiner Schwarzer Löcher in den Tiefen des ‚Large Hadron Colliders’ in Genf – über Spekulation, Theorie und Evidenz der wissenschaftlichen Theoriebildung sprechen. Während die beteiligten Wissenschaftler die Gefahr eines solchen Experiments gering einschätzen, behauptet Rossler, dass in nur 50 Monaten ein solches künstlich erzeugtes Schwarzes Loch eine existenzbedrohende Gefräßigkeit entwickeln könnte, die die Erde zu vernichten droht. Das Spiel mit der diffusen Angst ist dabei immer auch Teil des wissenschaftlichen Diskurses.

Die Veranstaltung findet im Auditorium statt.
Freitag 1.2.
13:00

Session 3: The Greying Of The Commons: IP, The Law And The Street

 
Respondent: Volker Grassmuck [de]

Wenn die Rede auf geistiges Eigentum kommt, öffnet sich in Europa und anderswo ein Graben zwischen regulärer Ordnung und der täglichen Praxis von Millionen von Menschen. Während neue Gesetze die formalen Eigentumsrechte gestärkt haben, hat sich die unauthorisierte Nutzung geschützter Inhalte weiter verbreitet. Unkontrolliertes Remixen, Veröffentlichen und Teilen von Material ist in der digitalen Massenkultur eine gängige Praxis. Bisherige Versuche, mit Hilfe von Gesetzen und/oder Technologie zu kontrollieren, was Leute mit digitalen Informationen anfangen, haben sich als ineffektiv erwiesen.
Was die Kluft zwischen Rechtsvorschriften und Praxis anbelangt, wird die Situation sowohl mit der amerikanischen Prohibition (1920-1933) als auch mit aktuellen Taktiken im Kampf gegen (weiche) Drogen in Verbindung gebracht. Das Beispiel der Prohibition macht deutlich, dass die Rechtspraxis immer auch der Praxis gesellschaftlichen Handelns Rechnung tragen muss. Unterbleibt dagegen eine rechtspolitische Angleichung an sich verändernde soziale und gesellschaftliche Verhältnisse, schafft dies Raum für unterschiedliche Formen der Repression mit unabsehbaren sozialen Folgen.

Die Konferenz findet im Auditroium statt.
 
19:00

Keynote event: Círculo reflexivo mit Dr. Humberto Maturana und Prof. Ximena Davila

 
Einführung: Matthew Fuller [uk]
Featuring: Dr. Humberto Maturana [cl], Prof. Ximena Dávila [cl]

Kooperation oder Gehorsamkeit:  Co(i)nspiration als biologische Basis für die menschliche Existenz

Dem kollaborativen Gespräch zwischen Doktor Maturana und Professor Dávila liegt die Vorstellung zugrunde, dass der Mensch in seinem Ursprung ein biologisch-kulturelles Konstrukt ist. Anhand von Kategorien wie Sprache als System und Konversation als prozessualer und performativer Akt skizzieren sie den kulturellen Rahmen für die unterschiedlichen Welt- und Realitätsentwürfe, die wir leben. Ein Círculo Reflexivo ist ein durch die Teilnehmenden konstituierter Raum des gemeinsamen Reflektierens, der kollektiven Rezeption und des Dialogs: In diesem Fall handelt es sich um den gemeinschaftlichen Gedankenaustausch – eine Ko(i)nspiration – und um Kollaboration im Sinne eines konzeptuellen biologischen Phänomens. Dr. Maturana und Prof. Dávila sind die Gründer des Instituto Matríztico, an dem sie eine Ausbildungs- und Forschungspraxis entwickeln, die sich mit unserer biologisch-kulturellen Existenz auseinandersetzt. Die hier kreierten Beziehungsräume können als experimentelle Reflektions- und Interaktionsfelder verstanden werden, die die Möglichkeit einer ethischen Verantwortlichkeit in einer Welt der Koexistenz im Zusammenspiel evozieren und realisieren.
matriztica.org

Die Veranstaltung findet im Auditorium statt.
Samstag 2.2.
13:00

Session 4: Techno-Historical Collusions: The Making Of A Trojan Horse

 
Moderator: Florian Cramer [nl]
Teilnehmer: Trevor Paglen [us], Eva Horn [de], Eva Horn [de], Pierre Lagrange [fr], Trevor Paglen [us], Pierre Lagrange [fr]
Respondent: Konrad Becker [at]

Auf den ersten Blick scheint es keinerlei Verbindung zwischen der mysthischen Welt der Hexen und der Kabballah und den Hightech-Welten von Raumfahrtprogrammen und Daten-Trojanern zu geben. Aber sie alle mischen das Unerklärliche mit Politik und Technologie und verwenden die Fiktionalisierung von Informationen, um narrative Dispositive zu schaffen, die über die herkömmliche kulturelle Wahrnehmungspraxis hinausgehen. Die Erforschung des Alls konspiriert mit militärischen Interessen, welche wiederum eine Vielzahl von Vorgängen nach Art ‚Trojanischer Pferde’ im Bereich der Medien, Software und Informationsübermittlung entfesseln und in Bewegung setzen. Wo durch unsichtbare Mechanismen gesteuerte Ereignisse die Realität dominieren, resultieren unklare Deutungen, die Bereitschaft zum Glauben an Spekulationen und eine Verschleierung von Ursachen und Motiven. Besteht die Herausforderung darin, sich dem Unerklärlichen nicht länger über Theorien, sondern durch die unmittelbare Wahrnehmung anzunähern?

Die Konferenz findet im Auditorium statt.
 
17:00

Keynote event: Performative Lecture Einar Thorsteinn: Alchemy Of Objects

 
Introduction: Tanja Dückers [de]
Featuring: Einar Thorsteinn [is]

Einar Thorsteinn hat während seiner langjährigen Arbeit als Künstler und experimenteller Architekt Hunderte von verschiedensten Raummodelle und mathematischen Skulpturen erdacht und angefertigt. Dieser unermüdliche Produktionsprozess und dessen Antriebskräfte sind Ausgangspunkt von Thorsteinns Vortrags-Performance, in der er mit mehr als 700 Bildern einen Einblick in die Welt der von ihm hergestellten Objekte geben wird. Der Akt der Erschaffung physischer, greifbarer Dinge und das damit verbundene unmittelbare Erlebnis eines persönlichen Wirkens spielen für den Künstler eine fundamentale Rolle und führen ihn zu der existentiellen Frage, wer wir eigentlich sind und welcher Bestimmung wir nachgehen. Sie steht im Mittelpunkt seines performativen Vortrags, der darauf zielt, in Zusammenarbeit mit dem Publikum einen imaginären Raum des Nachdenkens darüber zu kreieren, was er als ‚Physics of Human Life’, die Physik menschlichen Lebens, begreift. Ein architektonisches Experiment der Erkundung des fünfdimensionalen Raums.

Die Veranstaltung findet im Auditroium statt.
Sonntag 3.2.
13:00

Session 5: Web 3.0: Conspiring To Keep The Net Public

 
Moderator: Olga Goriunova [ru]
Teilnehmer: Seda Gürses [de], Felipe Fonseca [br], Fran Ilich [mx], Seda Gürses [de], Michelle Teran [ca], Fran Ilich [mx], Felipe Fonseca [br], Michelle Teran [ca]
Respondent: Simon Yuill [uk]

Das Web 2.0 wurde als Paradies des freien Zugangs angekündigt, als Nutzer-freundliche Community und Browser Plattform. Obwohl viele darin eine Verbesserung sehen – daher das Kürzel 2.0 – ist diese Veränderung in erster Linie eine Form von Abschottung des Internets, wo Nutzerdaten und kreatives Eigentum zu einer Art Handelsware geworden sind. Die wahre Rede- und Bewegungsfreiheit laufen Gefahr, sich immer mehr mit der Welt von Kommerz und Geschäft zu vermischen. Dies befördert Spekulationen wie beispielsweise die, wer Rechte und Identitäten der Netz-User kontrolliert.  Welche alternativen Modelle und Strategien sind denkbar, um in dieser quasi privaten Struktur einen öffentlichen Bereich aufrecht zu erhalten und letztlich das Internet davor zu bewahren, zum Opfer seiner eigenen konspirativen Tendenzen zu werden?

Die Konferenz findet im Auditorium statt.

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